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Über das leben
und andere
Zumutungen

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Von einer bestimmten Sorte Mann.

By Michèle Vallenthini

Und? Wie war Ihr Jahresanfang so? Meiner war knackig. Manchmal hatte ich fast Angst bereits im Januar den Stresstot zu sterben. Aber ich möchte mich nicht beschweren. Schätzungsweise 95% der Menschen, die noch nicht gänzlich mit dem Leben abgeschlossen haben, geht es genauso. Es passiert wirklich überraschend viel Dramatisches. Und damit meine ich nicht den Fakt, dass man in der Stadt wegen der bevorstehenden Wahlen nicht mehr an Politikern vorbeikommt.

Da gerät man schon manchmal ins Grübeln über den Sinn des Lebens und andere Sachverhalte, durch die man sich am Ende nur schlecht fühlt.

Ich habe beim Warten auf den Sommerreifenwechsel gelesen, dass viele Betriebe nicht genug Frauen einstellen, und dass, wenn sie welche einstellen, diese Frauen oft weniger verdienen als Männer in den gleichen Positionen. Das ist natürlich nicht gut. Wenn ich bedenke, dass ich für die Plackerei bei der Bank eventuell weniger Geld bekommen habe als der Kollege, der den gesamten Tag damit verbracht hat bei geschlossener Türe in seinem Büro zu sitzen, fange ich plötzlich an unkontrolliert zu schwitzen.

Ich bin gegen die Frauenquote. Weil dadurch oftmals aus der Not heraus wirklich dumme Personen berufen werden. Jetzt sagen Sie: aber was ist mit den ganzen dummen Männern? Ja, guter Punkt. Davon gibt es zweifelsohne sehr sehr viele und ich rege mich regelmäßig über sie auf. Aber ich bin der Meinung man sollte den Anspruch haben sich zu verbessern. Außerdem macht mich eine blöde Frau noch viel grantiger.

Ich finde Männer sind wundervolle Wesen. Ganz ehrlich! Und das, obwohl die meisten von ihnen schnarchen. Sie können das WiFi wieder zum Funktionieren bringen, können fluchend einen Ikea Schrank zusammenbauen oder jemanden bezahlen der es an ihrer Stelle tut, sie kennen sich mit Elektrisch aus, sie wissen Antworten auf Fragen zu Themen, die man selbst immer verdrängt hat und die plötzlich relevant werden, wenn die Steuererklärung ansteht, sie können den Koffer so gescheit packen, dass alles hinein passt, sie können ohne zu schauen sagen, sie fänden alle Outfits wunderschön und man sehe darin gar nicht fett aus. Kurz, sie beherrschen alles, was mir auf die Nerven geht, weil ich es nicht hinbekomme.

Da das mit den Reifen sehr lange gedauert hat, weil jemand – ein Mann der mir offenbar nicht zugehört hatte – das falsche Profil bestellt hatte, hatte ich die Gelegenheit über die Sache mit dem Frau-sein, den Umgang mit Männern und Problematisches das in diesem Zusammenhang passiert gründlich zu überlegen.

Und wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir auf, dass es selten mehr zweifelhafte männliche Bekanntschaften und mehr Menschen, die mir einen Gefallen tun wollten, gab als zu dem Zeitpunkt, als ich acht Kilo weniger wog und mir eine Haarsträhne – scheinbar gewollt neckisch – ins Gesicht fiel. Immer bot irgendjemand seine Hilfe an. Man konnte auf einem Event kaum in Ruhe aufs Klo gehen, ohne dass einem jemand bis quasi vor die Tür folgte. Ich frage mich, was man sich davon erhofft hat. Ich gehe sehr gerne allein aufs Klo. Deswegen mag ich auch keine Hotelzimmer, in denen das gesamte Bad verglast ist und man das Klo vom Bett aus sehen kann. Auch in einer langen Beziehung sollte man Wert darauf legen sexy zu bleiben.

Zu dem Zeitpunkt sah ich auch noch so heiß aus, dass ich nie mit Sicherheit sagen konnte, wieso die Leute mit mir zusammenarbeiten wollten. Das war mitunter ziemlich verstörend, denn man wusste nie genau, ob man sich am Ende nicht gegen irgendetwas wehren müssen würde. Das alles war selbstredend lieb gemeint. Solche Männer sind wie Mütter, die einem ungefragt Tipps geben und dann sagen: „Ich sag‘s nur. Gerade weil ich es gut mit dir meine.“

Bis auf die Sache mit Excel, Dinge, die digital sind und Dinge, wo Elektrisch durchfließt, war ich schon immer eine sehr selbstständige Person. Trotzdem ist es mir oft passiert, dass ich im professionellen Kontext nicht in dem Sinne behandelt wurde.

Mir wurden zum Beispiel oft Sachverhalte erklärt, für die ich keine Erläuterung benötigt hätte.

In Meetings wurde ohne Grund an meiner Stelle das Wort ergriffen.

Es wurde mir ins Wort gefallen.

Es wurde das gleiche gesagt, wie ich bereits gesagt hatte. Nur halt lauter.

In diesen Momenten hätte ich wahnsinnig viel sagen können. Aber entweder fällt einem nichts Unflätiges ein oder man ist so schockiert, dass das Hirn kurz aussetzt.

Es sind auch noch eine Menge andere fragwürdige Dinge vorgekommen.

Ich wurde oftmals unter fadenscheinigen Vorwänden irgendwo hingeschickt: „Lass das Michèle erledigen, Frauen sind gefühlvoller.“ Das ist eine steile Behauptung. Ich bin die taktloseste Person der Welt, wenn mir etwas im Geringsten nicht passt. Wenn ich auch noch Hunger habe, raste ich direkt aus.

Irgendwann hat mich jemand „Porno-Doktor“ genannt. Nur weil ich zum Marquis de Sade promoviert habe. „Ja, habe ich gesagt, mir fehlt nur noch das Jodeldiplom.“

Ich hätte dem Mann erklären können, dass das, was er sich fifty shades of grey-mässig vorstellt, in Wirklichkeit nicht stimmt. Den Protagonisten bei Sade wird zum Beispiel bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen. Aber in manchen Situationen hat man einfach keine Energie mehr zu diskutieren. Außerdem kann so eine Situation sehr schnell eskalieren, wenn das Gegenüber einem argumentativ und rhetorisch unterlegen ist.

Einmal wurde mir sogar die Aussprache meines eigenen Namens korrigiert. Von einer Person, die ihn immer falsch schrieb. In diesem wirklich einzigartigen Moment verließ meine Seele meinen Körper.

Ich packe im Supermarkt nicht mal unverpackte Trauben an. Jedes Mal, wenn ich einkaufen gehe, stelle ich fest, dass ich damit ziemlich allein stehe. Die gemeinen Traubengrabscher müssen wohl der gleiche Menschenschlag sein, wie der, von dem ich ständig rein zufällig berührt wurde. Beim Grüßen, im Vorbeigehen, oder ich wurde von hinten überfallen. Da muss man schon ziemlich starke Nerven haben, wenn man gerne so viel private space hat wie ich. Ich möchte mindestens einen Meter Abstand zwischen mir selbst und anderen Menschen. Alles andere wäre zu viel für einen introvert.

Letztendlich wurde mir auch sehr oft etwas zu meinem Aussehen kommuniziert:

„Die andere Frisur fand ich besser. Das sah so süß aus.“ Einfach NEIN.

„Ich denke hohe Schuhe stehen dir besser.“ Ich weiß nicht, ob das etwas mit Denken zu tun hat.

„Uh, siehst du heute wieder gut aus. Wie machst du das nur.“ Mit vier Bechern Kaffee, guter Mann, mit vier Bechern Kaffee.

„Wieso trägst du eigentlich immer schwarz?“ Wie sonst sollte man manchen Trauerspielen des Arbeitsalltags stilgerecht beiwohnen.

„Du hast da einen Pickel.“ Danke für die Information. Ich muss morgens vor dem Spiegel so blind, taub und behindert gewesen sein, dass ich das völlig übersehen habe.

„Darf ich deine Haare mal anfassen.“ Ich finde es beeindruckend, dass ich wenigstens gefragt werde. Aber: Nein, verdammte Axt.

Meistens kommt das und vieles mehr von einer ganz ganz bestimmten Sorte Mann über fünfzig, bei denen man sich fragt, wieso sie sich nicht benehmen, wie ihr eigener Haaransatz, also einige Gänge zurückschalten.

Generell und abschließend möchte ich hierzu anmerken, dass eigentlich jeder Mann einmal hundert Meter auf Pfennigabsätzen laufen sollte. Vielleicht würde es manchen dann leichter fallen, keine Bemerkungen über Dinge zu machen, die sie wirklich nichts angehen.

Aber andererseits: Wir können alle aufatmen, es gibt sie noch, die echten Männer.

Bei allen angenehmen Männern jeglichen Alters die ich kenne, liebe und schätze, möchte ich mich an dieser Stelle für die verstörenden Textzeilen in aller Form entschuldigen. Bleibt wie ihr seid, ihr seid die Rettung eures Geschlechts.

Mein Freund ist auch ein Mann. Eine Ecke älter als ich obendrein. Aber er ist anders. Er steht auch direkt gut gelaunt auf, wenn der Wecker klingelt. Der Psychopath. Ich brauch erst mal eine Stunde, bis ich mich bewegen kann und mindestens eine weitere, bis ich in der Lage bin in geordneter Form irgendwo zu erscheinen.

Das alles hat sich stark gebessert, seit ich auf die vierzig zugehe. Das macht mir wiederum Sorgen. Vielleicht sollte ich doch das mit dem Botox in Erwägung ziehen? Aber, gut. Heute kann ich wenigstens mit Sicherheit sagen, dass es um meine Kompetenz geht, wenn man mit mir zusammenarbeiten will.

Diese Gedankengänge haben mich völlig aufgedreht. Damit es mir besser geht, bin ich nach dem Reifenwechsel los und wollte mir einen Cappuccino holen. Mit Hafermilch.

Und wissen Sie was mir da passiert ist? Ich wurde ge-fräuleint. Und zwar weil ich einen Mann Mitte fünfzig mit einem Auto, dessen Dimension wahrscheinlich nur nachts in der afrikanischen Steppe lebensnotwendig wäre, – meiner Meinung nach – freundlich darauf hingewiesen habe, dass er auf einem Behindertenparkplatz steht. Ich hatte an dem Tag keine Energie mich aufzuregen. Ich hatte bereits acht Umschläge von der Steuerverwaltung geöffnet. Das hat sich morgens abgespielt. Wenn man wegen eines Hafermilch-Cappuccinos bereits morgens den Eindruck hat, dass wir am Rande eines Geschlechterkriegs stehen, kann man nur hoffen, dass es an dem Tag nicht noch schneit und der Verkehr vollkommen zusammenbricht. Ich bringe mich nicht mit Absicht in solche Situationen. Ich bin laktoseintolerant. Also muss ich meinen Cappuccino mit Milchalternativen genießen, die nicht so gut schäumen und deswegen muss ich rausfahren zu einem coffee shop mit einer ordentlichen Aufschäumdüse. Aber was rege ich mich auf.

Kaffee gibt einem sowieso nur falsche Hoffnung für den Tag.

Ich habe gelesen, dass jeder vierte Mann seine Unterhose nicht täglich wechselt. Ich lasse das dann mal so stehen und wünsche allen eine wunderbare Woche.

 

 

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