Digitales.
Im Rahmen der neuen Regierung möchte ich etwas zum Thema Digitalisierung sagen. Da ich selbständig bin und ständig um mein Leben arbeiten muss, hatte ich zwar noch nicht die Gelegenheit den Koalitionsbeschluss im Detail einzusehen, bin mir aber sicher, dass darin mindestens 500-mal das Wort “digital” vorkommt.
Digitale Sachen mag ich nicht. Die Liste der Dinge, die ich in diesem Bereich nicht beherrsche, ist wirklich sehr lang. Ich könnte es der Regierung also durchaus verzeihen, wenn man Digitalisierungsprojekte hintenanstellen würden. Ich meine, es ist ja auch wichtiger, dass die Leute erst mal alle eine ordentliche Wohnung haben und Hauseigentümer zu staatlich subventionierten Solarpannels kommen. Sowieso drucke ich immer alles aus und tue es zur Sicherheit in Klarsichtfolie. Damit bin ich bisher im Leben sehr weit gekommen.
Ich bin auch so ein Mensch, der auf Phishing Links klickt, wenn ich nicht explizit von Freunden, denen ich im Prinzip vertraue, davor gewarnt werde. An einem meiner ehemaligen Arbeitsplätze waren die Mails einmal über eine Woche bei der Post geblacklistet weil jemand, der es natürlich nicht zugegeben hat, auf einen verdächtigen Link geklickt hatte. Ich war das nicht. Alle die einen Gmail Account hatten, mussten ihre Arbeitsmails von da aus verschicken. Gottseidank war ich keiner der Menschen, die sich vor 15 Jahren einen Account mit der Bezeichnung Mimigirl1984 oder sonstigen zweifelhaften Benennungen angelegt hatten.
Ich habe Literaturwissenschaft studiert. Ich hänge sehr an Buchstaben. Vor allem wenn sie auf Papier stehen. Noch vielmehr, wenn das Papier eine angenehme Haptik hat.
Neulich habe ich bei meiner Tätigkeit als Marketing-Consultant die Webseite eines Kunden neugestalten dürfen. Ich habe das unglaublich genossen. Das hieß nämlich für mich, dass ich endlos viele Texte in diversen Sprachen schreiben durfte. Damit habe ich mich sehr lange beschäftig. Ich habe versucht den richtigen Ton zu treffen, die richtigen Worte auszuwählen… Es war ein Fest, für das ich dem Kunden auf ewig dankbar bin. So weit so gut, denken Sie jetzt, aber irgendeine Schieße muss ja passiert sein. Absolut.
Webseiten sind digital. Das ist die Schieße. Ich habe die ganzen Texte erst mal in den Computer gehämmert. In Word natürlich. Das ist ein Programm, welches Peter gar nicht mag. Das liegt zum Beispiel daran, dass ein Haufen Kunden ihm ihre Ideen in Word oder PowerPoint reinschicken. Er sagt dann nur “Alter…”. Ich mache das nun nicht mehr. Ich schicke einfach alles über WhatsApp an ihn. Das ist zwar digital, aber ich kann es leicht bedienen und er hat die Möglichkeit im Verlauf drei Meter zurückscrollen, wenn er irgendetwas sucht. Manchmal passiert es mir, dass ich Dinge in den falschen Chat schicke. Meistens fällt mir das direkt auf und ich lösche fix alles. Manchmal aber nicht und ich bekomme irgendwann mit wie der ungewollte Rezipient sehr lange “online” und nicht “typing…” ist weil er sicher versucht zu verstehen, was ich von ihm will.
Jedenfalls haben wir für die technische Neugestaltung der Webseite mit einer spezialisierten Agentur zusammengearbeitet, die sich bestens mit digitalen Belangen auskennt. Es gibt nichts, was ich mehr respektiere als Leute, die mit dem Computer umgehen können. Die Mitarbeiter dieser Agentur machten sich also daran, eine ansprechende Webseite zu gestalten.
Ich habe ihnen meine Texte in Word geschickt und dachte, die Sache sei damit erledigt. Nach einer Weile hat sich jemand gemeldet, der sagte, er habe mein Werk in Google Docs übertragen, man könne darin kollaborativ an den Texten arbeiten. Hier sei der Link. Ich habe mich höflich bedankt und dachte: okay, das dürfte kein Problem sein. Ich klicke auf den Link, und stelle fest, dass ich mein Google Passwort eingeben muss. Jeder der mich kennt, weiß, wie das mit mir und Passwörtern ist. Ich habe zuerst meine Klassiker eingeben. “Michele123!” und ähnliches. Das hat nicht funktioniert. Ich musste meine beste Freundin anrufen, die sich meine Passwörter immer notiert, weil sie mitbekommen hat, dass ich das selbst nicht auf die Kette kriege. Sie hatte das Passwort nicht. Bummer. Ich habe also die Passwort-vergessen-Prozedur einleiten müssen. Ich hoffe, sie hat sich das neue Passwort notiert.
Ich habe schnell begriffen, wie das Google Doc funktioniert und konnte reibungslos kollaborieren.
Plötzlich schrieb die gleiche Person, sie habe auch ein Google Sheet eingerichtet damit ich dort die Fotoreferenzen eintragen kann. Würde die Person, ein sehr angenehmer junger Mann, der sich schwerpunktmäßig um digitales Marketing kümmert, mich kennen, wüsste er, dass Excel auch ein Problem für mich ist. Ich wollte es ihm natürlich recht machen und habe eine Ewigkeit gebraucht, um die Datei zu verstehen. Die Ewigkeit habe ich dem Kunden selbstverständlich nicht in Rechnung gestellt. Ich möchte nicht andere für meine Unfähigkeit bluten lassen. Männer tun sowas. Ich nicht. Ich bin ein people pleaser.
Ich habe der Person bei meiner persönlichen Ergründung des Google Sheets Fragen gestellt, die er sehr bizarr gefunden haben muss. Einmal musste er sogar einen Videocall mit mir machen und selbst im Sheet herumscrollen damit ich sehe, was er meint. Ich habe geschwitzt. Ich finde diese Person verdient schon allein meinetwegen eine Gehaltserhöhung.
Zurzeit schicke ich ihm lauter Fotos von Dingen, die auf der Webseite noch nicht reibungslos funktionieren. Das tue ich über Slack. Das ist auch eine kollaborative App. Ich wurde bereits ganz zu Anfang des Projekts vom Inhaber der Agentur dazu eingeladen, habe aber erst mal versucht das zu ignorieren. Er hat mich auch zu Figma eingeladen. Das ist ein Tool, mit dem man Webseitenentwürfe anschauen kann. Auch das habe ich direkt in einen anderen Ordner geschoben. Diese Person wiederum, weiß wie ich bin, weil er meinen Blog liest. Er scheint ein sprachaffiner Digitalmensch zu sein. Er hat sogar einmal um 23 Uhr eine Mail bezüglich eines falschgesetzten Kommas in meinen Blogbeitrag geschickt. Da ich das Passwort zu meiner eigenen Webseite nicht kenne, konnte ich das nicht sofort korrigieren und musste warten, bis meine Passwortfreundin wach war. Ich habe deswegen ziemlich unruhig geschlafen und war morgens in keiner guten Verfassung.
Irgendwann konnte ich die ganzen Einladungen natürlich nicht mehr ignorieren. Ich habe einen Moment lang ernsthaft darüber nachgedacht, in die Agentur zu fahren, dort auf dem Bildschirm irgendeines armen Menschen mit dem Finger auf Dinge zu zeigen, die geändert werden müssen, während ich auf meinem Notizblock durch meine Liste gehen könnte und ihm dabei ins Ohr atmen würde. Ich finde das kann man niemanden zumuten. Früher hat das meine Mutter immer bei mir getan, wenn ich ihr bei Ryanair ein Ticket nach Polen buchen musste. Sie hat mich dabei so schlimm in den Wahnsinn getrieben, dass ich irgendwann über die Maßen ausgerastet bin und sie mich daraufhin nie wieder etwas gefragt hat. An dieser Stelle ein warmer Gedanke an all meine Freunde die, wenn sie sonntags bei ihren Eltern zu Besuch sind, am Ende 6 Batterien gewechselt, 2 iPads geupdatet, 2 Computer neugestartet und das WLAN repariert haben. Dies ist ein Leidensweg, den ich dank meines aufbrausenden Charakters nicht mehr beschreiten muss.
Mit solchen Apps ist es wie mit den Posaunisten von Jericho. Irgendwann gingen dem Volk die Nerven durch und sie öffneten die Tore freiwillig.
Ich kann behaupten, dass ich mich in Slack und Figma nahezu problemlos eingearbeitet habe. Ich war so stolz. Ich fühlte mich wie ein Mann mit lichtem Haar, der einer Frau gerade ein zweifelhaftes Kompliment gemacht hat. Es war geil. Ich war für einige Tage der Terminator unter den Literaturwissenschaftlern. Hätte mein Professor das bloß erlebt. “Vallenthini, Sie sind eine Laus”, hätte er gesagt. Leider ist er letztes Jahr verstorben. Ich muss mir mein Lob jetzt woanders holen.
Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir das alles überhaupt nichts ausgemacht hat. Aber ich habe Blockaden überwunden und jonglierte gekonnt mit Figma, Slack und den Google Docs. Ich war mental gut drauf. Erwachsene, die schon einmal erlebt haben, wie es ist, mit Ende 30 einen guten Tag zu haben, wissen, dass dieser Umstand nie von Dauer sein kann. Ich bekam eine Einladung für ein weiteres Tool. Es trug einen Herrennamen. Ich habe es geschafft mich einzuloggen. Das ging überraschend leicht. Das Passwort habe ich im Computer gespeichert. Es war ein selbstgeneriertes extra sicheres Passwort. Ich habe vergessen es mir woanders aufzuschreiben. Meine beste Freundin konnte sich das in dem Moment nicht aufschreiben, sie wurde gerade operiert und ich wollte sie auch nicht direkt im Aufwachraum mit meinen Problemen überfallen. Wenn ich jemals den Computer kaputtmache, ist also alles vorbei. Ich habe nicht genau verstanden wozu dieses Tool gut ist. Ich habe lauter farbige Kästchen und jede Menge namentliche Zuordnungen gesehen. Mein Name stand nicht da. Grund genug die Sache zunächst ruhen zu lassen.
Peter hat das alles nicht mitbekommen. Er war damit beschäftigt für den gleichen Kunden im Akkord feinste Ware rauszuballern. Ich muss aber auch sagen, dass ich nicht gejammert habe. Er konnte nicht wissen, was ich durchmache.
Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass ich die Relevanz dieser Tools in keiner Weise in Frage stelle. Ihr Einsatz hat maßgeblich zum Erfolg des Projekts beigetragen. Ich spreche hier nur von mir.
Zwei Tage später, bekam ich völlig überraschend eine neue Einladung. Diesmal zu einem anderen Projektmanagementtool. Ich wusste, es wird ein gottloser Tag. Wäre ich ein Vogel, wäre ich in dem Moment einfach in einen Deckenventilator geflogen. Ich bin kein Vogel. Deswegen habe ich mir einen Matcha-Tee mit Hafermilch gemacht, über mein verpfuschtes Leben nachgedacht und mir bei besagtem Tool einen Account eröffnet. Ich musste mich mit two factor authentification einloggen. Ich musste mir nicht nur ein Passwort merken, sondern auch noch irgendwelche Zahlenkombinationen für die Zukunft auf einem Zettel notieren, den ich sicher verlieren werde.
Ich dachte: nun gut. Ich versuche wertfrei und ruhig an die Sache heranzugehen und finde sicher schnell heraus, wozu das Tool gut ist und wie es funktioniert. Um die Geschichte abzukürzen: ich habe ungewollt mehrere threads resolved und konnte es nicht mehr rückgängig machen. Ich habe den Chef der Agentur angemailt damit er das wieder wegmacht. Er hat mir nicht geantwortet. Im nächsten Meeting sah er mich mehrmals lächelnd von der Seite an.
Natürlich sollte man sich neue Webseiten auch in einer sicheren Testumgebung anschauen. So kann man sich in Ruhe durchklicken und feststellen, ob alles richtig verlinkt ist und Fehler melden, die man im Google Doc und im Google Sheet selbst immer wieder von A nach B kopiert hat. Also Dinge für die man niemanden außer sich selbst zusammenschießen kann.
Hierzu musste ich eine VPN-Verbindung herstellen. Es schrieb mich eine weitere wirklich sehr freundlich Person der Webagentur in Slack an und schickte mir Instruktionen und Leitfäden darüber, wie man das am besten macht. Ich war erschlagen, bin aber besonnen an die Sache herangegangen. Besonders weil ich wusste, dass meine technikaffine Freundin immer noch im Krankenhaus war. Auch diesem Menschen habe ich einige abstruse Fragen gestellt, nachdem ich die Fragen im ersten Panik-Rush in den falschen Chat geschrieben hatte und herausfinden musste, wie man das wieder löschen kann. Ich habe mich gefragt, ob die Mitarbeiter der Agentur bereits über mich reden und mir einen Spitznamen gegeben haben. Aber vielleicht bin ich auch nicht deren schlimmster Kunde.
Von all diesen Systemen werden ständig Handlungsaufforderungen vermailt sobald jemand im Team etwas verändert. Das hat mich alles so gestresst, dass ich nachmittags in Unterzucker geraten bin und mir um 16 Uhr einen Proteinshake reinorgeln musste. Ich tue da immer Kurkuma rein. Ich habe gelesen, dass das sehr gut gegen oxidativen Stress sein soll. Das ist die Art von Stress, die man hat, wenn man Dinge auf Webseiten tun muss. Ich kenne mich damit jetzt aus. Es hat leider nicht sofort stresslösend gewirkt. Ich wurde fahrig und habe das Glas umgestoßen. Der gelbe Fleck auf meinem weißen Berberteppich wird mich vermutlich für immer an die Situation erinnern.
Der freundliche Digitalmarketing-Mensch hat mich irgendwann gebeten, ihm doch bitte Zugang zu meinen Fotoordner zu geben. Peter hatte alle Fotos auf unserer Dropbox gespeichert und den Link mit der Agentur geteilt. Leider in einem anderen Chat. Das hatte ich aber bereits vergessen. Ich habe also den Ordner, ohne ihn vorher zu fragen selbst geteilt. Irgendwann hat Peter durch reinen Zufall festgestellt, dass ich der digital-Person Zugang zum internen Teil meiner Dropbox gegeben hatte. Dort sammeln wir dumme Memes und sonstige Dinge, von denen man den Leuten besser nichts erzählen sollte. Er hätte sich in dem Moment über mich aufregen können. Dass das nicht passiert ist, liegt bestimmt daran, dass er erfolgreich meditiert, um mit stressigen Menschen bei unserer Arbeit besser umgehen zu können.
Man sagt Web Designern und Web Developern nach, sie seien seltsam und hätten teils autistische Züge. Ich weiß nicht. Sicher ist, dass sie genauso wie Grafiker mitunter sehr schlimme Dinge erleben. Ich müsste das mit Peter besprechen, wenn wir einmal nicht über Essen reden. Ich denke, es sind ganz ganz gefühlvolle Menschen. Lieb, nett und hilfsbereit. Deswegen tut es mir immer leid, sie auf eine Art mit meinen Problemen zu belästigen, die man durch einen selbstgebackenen Kuchen nicht wieder gut machen kann.
Abschließend kann ich sagen, dass die Zusammenarbeit mit mir sicher ein wichtiger Lernprozess für alle Beteiligten war.
Ich widme diesen Beitrag all jenen Menschen, die im Rahmen eines digitalen Projekts mit mir zusammenarbeiten müssen oder jenen, die auf die Idee kommen, mich nach einer Excel Datei zu fragen. Bleibt am Ball, ich liebe euch.
Immens!!! Ech hat geduet, just Ü50er Boomere giff et sou gon 😁. Hunn däin Artikel matt Genoss gelues.
Gréiss! Michèle