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Alles Gute und so.

By Michèle Vallenthini

Ich will keine schlechte Stimmung verbreiten. Aber: Das neue Jahr, es ist da.
Manche Menschen spielen sicher jetzt schon mit dem Gedanken, Vertreter für Zahnseide zu werden. Ich kenne das. Ich denke auch zu jedem Jahreswechsel darüber nach, ob ich vielleicht beruflich oder generell im Leben etwas anderes tun sollte. Ich habe dazu so viele verschiedene
Ideen, dass selbst die Verwirrung verwirrt ist und ich es am Ende einfach sein lasse. Die meisten Pläne scheitern sowieso daran, dass ich rechtzeitig aufstehen müsste.

Mein Problem mit Jahreswechseln ist, dass ich viele Dezemberprobleme als Januarprobleme abtue. Das fällt mir jedes Jahr – völlig unverhofft – ins Genick. Ich könnte die Sachverhalte
natürlich nach Neujahr zu Februarproblemen deklarieren. Ich prokrastiniere aber eigentlich ungerne. Ich löse Probleme am liebsten sofort. Dabei springe ich auch meist vor den Wagen. Dadurch entstehen oftmals viel schlimmere Probleme als das Ursprüngliche. Aus diesen
Situationen, in denen ich alles geben muss, um ruhig zu bleiben, habe ich noch nie etwas gelernt. Das hat dazu geführt, dass ich mir oft Fragen über meine Intelligenz stelle. Dann fällt mir ein, dass ich die Führerscheinprüfung und auch sonst alle Examina problemlos geschafft habe. Es kann also nicht an meiner Intelligenz liegen. Wahrscheinlich hat es vielmehr etwas mit meinem Charakter zu tun. Darüber möchte ich lieber nicht weiter nachdenken. Die meisten Dinge klingen sowieso nach einem 2025 Problem.

Alle, die sich lebend im neuen Jahr wieder finden, sind den Schützengräben der Weihnachtsfeiertage als Helden entklommen. Diese Tage sind nicht immer leicht. Mir ist zu Weihnachten schon viel Traumatisches passiert. Ich habe mir oft überlegt, wie schön es wäre, am 24., 25. und 26. Dezember besinnlicherweise allein zu Hause zu bleiben, Serien zu bingen, die man schon zwei Mal gesehen hat, und drei Tage lang ungeduscht im gleichen Jogginganzug auf dem Sofa zu sitzen. Weihnachtsurlaub auf den Seychellen wäre mir zu anstrengend. Ich möchte nicht mit so vielen Menschen in einem Flugzeug sitzen, die aufspringen, bevor die Maschine ihre endgültige Parkposition erreicht hat. Ich habe erlebt, dass an Weihnachtsfeiertagen die schlimmsten charakterlichen Schwächen zum Vorschein kommen. Der neue Premierminister sagte kürzlich in einem Radiointerview, er glaube an die Intelligenz der Menschen. Ich nicht. Das merke ich ganz besonders bei last minute Einkäufen. Die Leute geben Geld aus, als wenn die Zukunft nicht existieren würde. Sie fahren, als seien die Verkehrsregeln vom Weihnachtsmann außer Kraft gesetzt worden. Es wird eingekauft, als würden die Geschäfte nie wieder öffnen. Aber wer bin ich zu urteilen, denn ich bin ja auch selbst in den Laden gegangen.
Heute würde ich auf keinen Fall mehr last minute Einkäufe an Weihnachten machen. Nicht mal, wenn ich kein Salz mehr im Haus hätte, würde ich noch losfahren. Dann lieber Streusalz auf der Straße aufkehren. Da aber offenbar nie wieder Schnee fallen wird, müsste ich wohl bei den Nachbarn klingeln. Wieder eine Sache, die man dem Klima ankreiden kann.

An Weihnachten werden auch besonders gerne für alle möglichen Sachverhalte Schuldige gesucht. Wer schon einmal vor Hunger ein Schnittchen aus dem Kühlschrank seiner Mutter genommen hat, was für Heiligabend gedacht war, oder das Bad benutzt hat, nachdem geputzt worden war, als würde das Gesundheitsamt eine Ortsbegehung vornehmen, der weiß, was echte Vorwürfe sind. Ich habe auch noch nie ein Fest erlebt, bei dem nicht irgendwelche Leute gestritten hätten. Man bringt nur kurz das Geschirr in die Küche, kommt zurück und findet sich in der Fehde des Jahrhunderts wieder, bei der Fiktion und Wahrheit nahezu perfekt ineinandergreifen. Ich streite nicht gern. Das habe ich von meinem Vater. Meine Harmoniebedürftigkeit hat mich schon tausende Euros und auch viele Nerven gekostet. Vielleicht sollte ich mal darüber nachdenken, genauso abzugehen wie gewisse Familienmitglieder zu Weihnachten. Wahrscheinlich lebt es sich auf diese Weise wesentlich billiger.

Am schlimmsten finde ich die Fragen, die einem zu Weihnachten gestellt werden:
Ach so, und was genau machst du später mit dem Studium?
– Hast du abgenommen?
– Hast du zugenommen?
– Wann lernen wir denn deinen neuen Freund kennen?
– Du hast doch einen neuen Freund, oder?
– Sag mal, was hältst du eigentlich von der Aktion der Klimakleber?
– Wann wählst du dir endlich einen normalen Job aus?
Und der Knüller jedes Weihnachtsfests darf natürlich nicht fehlen: Wieso hast du keine Kinder?

Egal, wie viel Chuzpe man hat, man fühlt sich in solchen Momenten, als würde man sein Leben nicht auf die Reihe kriegen. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass sowas spurlos an mir vorbeigeht. Ich bin davon stundenlang genervt, schlafe unruhig und beantworte die ganzen Fragen sogar noch im Traum. Am Weihnachtsmorgen bin ich dann nicht so gut drauf. Lebensunterweisungen beim Mittagessen von diesem einen cringen Onkel, der einem als Kind immer die Nase geklaut hat, helfen da auch nicht weiter.

Wenn Wandertag ist, ist Wandertag, sagt Peter zu happenings wie Familienfeiern. Er schafft es auch, sich nicht schon zwei Wochen im Vorfeld negativ aufzuladen. Ich bin nicht so. Ich muss mir bereits morgens eine ganze Menge Mut zusprechen, um mich nicht zu vergessen. Wenn er solche Bemühungen und meinen Stolz drüber mitbekommt, sagt mein Psychiater-Freund mir immer, es sei nicht unbedingt eine Tugend, zu versuchen, sich im Griff zu halten. Es solle darum gehen, dass es gar nicht erst zur Debatte stünde, sich aufzuregen.

Wenn ich verzweifelt bin, werde ich sehr kreativ. Ich habe es oftmals in Erwägung gezogen, an Heiligabend Valium zu nehmen, bevor ich mich an den Tisch setze. Ich bin mir bei der Dosierung aber nicht so sicher. Ich möchte nicht mit dem Gesicht in den Teller knallen. Sicher würde in der Situation jemand den Krankenwagen holen und ich käme an Heiligabend in eine überfüllte Notaufnahme. Meine Mutter wäre damit konfrontiert, dass ich Drogen nehme und alle wären wahnsinnig aufgeregt. Das will ich nicht. Ich brauche mittlerweile quasi eine Woche, um mich von Aufregung zu erholen.

Aber zurück zum neuen Jahr: Habe ich meine Ziele erreicht? Nein. Habe ich mich um Liegengebliebenes gekümmert? Nein. Habe ich Neues gelernt? Nein. War ich sonst okay? Geht so.
Zu meiner Verteidigung kann ich sagen: Am heutigen Tag habe ich ein Kabel benutzt, welches ich 2006 in einen Schrank legte für den Fall, dass ich es einmal brauche. Andere wichtige Dinge schmeiße ich weg. Das ist nicht gerade ein Geniestreich. Es kostet mich unglaublich viel Zeit, sie bei Verwaltungen und Ämtern nachzubestellen. Ich mache das jedes einzelne Jahr, wenn ich meinem Buchhalter meine Unterlagen bringen muss. Er bittet er mich jedes Jahr im November – absolut überraschend – um Formulare, die mir im Februar oder gar im Januar zugeschickt wurden. Davon weiß ich zu dem Zeitpunkt natürlich nicht mehr das geringste. Das und vieles andere führt sicher dazu, dass er sich fragt, wie ich mein Leben sonst so auf die Reihe kriege.

Auch an Sylvester fordert einen das Universum heraus. Jedes Mal, wenn ich bei einer Silvesterfeier beobachte, wie ein Kleinkind sich daran macht, eine Klobürste anzulecken, während, die Mutter verzweifelt versucht, sich einen schönen Abend zu machen, bin ich sehr stolz auf mich, dass ich es all die Jahre hinbekommen habe, nicht schwanger zu werden. Aber ich möchte nicht über andere, die es schaffen, sich nicht nur um sich selbst, sondern auch noch um einen kleinen Menschen zu kümmern, urteilen. Von welcher Warte aus sollte ich das auch tun? Ich, wie ich an New Year‘s Eve ohne Eigentumswohnung, ohne Erspartes, mit einer ganzen Menge kaputter Haushaltsgeräte, aber gut gelaunt und mit sehr vielen unrealistischen Ideen ins neue Jahr starte.

Ich hatte Avocado Toasts, die waren besser als manche Jahre meines Lebens. Obwohl ich versuche, die Dinge mit Humor zu nehmen, wird mir oft gesagt, ich sei früher lustiger gewesen. So bin ich. Keiner hat gesagt, dass man mich mögen muss. Es stimmt aber wohl, dass früher generell mehr Lametta war. Weihnachten war früher auch emotionaler. Meine Eltern haben erst Urbi et Orbi geschaut und dann bis zum Mittagessen gestritten, nachdem mein Vater verlautbart hatte, dass der ganze katholische Hokuspokus längst nicht mehr zeitgemäß sei. Daraus habe ich gelernt, dass die Aussage mit dem Weltfrieden bei Miss Wahlen wesentlich besser ankommt, als wenn ein älterer Herr in Weiß dazu aufruft.

Wir haben 2024. Es regnet nicht und ich lebe noch. So etwas ist viel wert, wenn man bedenkt, wie es ums Klima steht und wie schlecht ich oft schlafe.

2054 wird mein Jahr. Ich spüre es.

 

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