Skip to content
pfeil

Über das leben
und andere
Zumutungen

Zur Startseite von Point Nemo
click

Schreiben.

By Michèle Vallenthini

Ich schreibe gerne. Am liebsten Texte mit denen ich keinen Cent verdiene.

In dem Job, mit dem ich mich über Wasser halte, muss ich auch sehr viel schreiben. Das mag ich, weil schreiben halt total mein Flex ist. Was ich weniger genieße, ist, wenn die Leute Sätze, über die ich sehr lange nachgedacht habe, völlig umbauen. Meistens verlängern sie die Sätze auf wenigstens 10-12 Zeilen, von denen die Hälfte thematisch nicht relevant ist. Dabei entstehen Schachtelsätze, die selbst Marcel Proust nicht hätte komplexer gestalten können. Ich will nicht behaupten, dass ich besonders intelligent bin. Und so ist mir dann oft vieles unklar. Trotz des Umstands, dass ich lieber 100 WhatsApps schreibe als ein schlimmes Problem mit einem Telefongespräch zu lösen, rufe ich die Leute in solchen Fällen erst mal an, damit sie mir die Bezugsworte der Pronomen nennen. Das, obwohl ich wirklich sehr gut lesen kann und dabei sogar, im Gegensatz zu anderen Momenten wo es wirklich wichtig wäre sich zu konzentrieren, sehr aufmerksam bin.

Das einzige linguistische Missgeschick, was mir immer wieder passiert ist, dass ich Worte verdreht lese. Vor allem bei Minimalpaaren. Ich lese zum Beispiel Brüste anstatt Bürste. Immer. Meine Wortverwechslungen gehen meistens in die pornographische Richtung. Das beunruhigt mich mitunter. Ich habe mit meinem Psychiater-Freund darüber geredet. Er meinte, wenn ich sonst in Ordnung sei, sehe er kein Problem. Ich sagte “Okay. Danke.” Innerlich vergaß ich ein weiteres Passwort. In Ordnung… Kein Mensch weiß, ob ich in Ordnung bin. Ich finde schon, dass ich etwas seltsam bin. Ich sage manchmal gottlose Dinge, benehme mich oft daneben, mache Gedankenspiele, die extrem funky sind, stelle mir immer die abgefahrenste Konsequenz meines Handelns vor, frage mich nachts, wenn ich wachliege, ob es schlimmer wäre, wenn ich wieder ins Gymnasium müsste oder wenn mir alle Zähne ausfallen würden. Definitiv Gymnasium. Ich bin zwar versichert, aber ich bin nicht der Meinung, dass die alles bezahlen würden. Das ist immer die Crux mit Versicherungen. Ich möchte nicht mit einem Gebiss rumlaufen. Die Sache mit Cellulite reicht mir schon dicke.

Von Kunden, die meine Sätze um das 5-fache verlängern, werde ich auch regelmäßig schon am frühen Morgen beschimpft. Als letzte Drohung, die mir wohl Angst machen soll, verbreiten sie die Nachricht, dass Chat GPT meinen Job übernehmen wird. Okay. Hier bitte. Nimm. Ich hätte eh noch 2 reife Avocados, die ich jetzt sofort essen müsste.

Ich höre regelmäßig, ich solle ein Buch schreiben. Ich weiß nicht, ob ich mir über so eine Aussage Sorgen machen muss oder mich darüber freuen sollte. Generell mache ich mir eher Sorgen, als dass ich mich freue. Wenn ich die Leute frage, wieso sie finden, dass ich in der Lage wäre ein Buch zu schreiben, sagen die einen, dass ich so viel erlebt hätte. Das stimmt. Ich bin erwachsen. Ich kann Eis essen, wann ich will.  Und in meinem Leben war von allem was dabei. Das Leben war oft wie ein Tornado und ich die Kuh, die sich darin dreht, um der Sache cineastischen Wert zu verleihen.

Ich blicke manchmal auf die letzten Jahre zurück und bin wahnsinnig erstaunt, dass ich immer noch lebe. Sicher ist das für andere sehr spannend und deswegen wollen sie, dass ich darüber schreibe. Ich denke nicht immer gründlich darüber nach was ich tun möchte und was ich lieber lasse. Doofe Entscheidungen, die ich getroffen habe, tue ich später ab mit dem Satz „ja, das ist in einer schwierigen Phase in meinem Leben passiert“.  So, als wenn der Rest meines Lebens nicht eine insgesamt absolut clownesque Abfolge von kontingenten Ereignissen wäre. Aber: Die richtigen Worte zu finden ist halt alles. Peter sagt immer, dass man die Dinge nur so negativ erlebt, wie man sich sie schlecht redet. Das kann ich absolut bestätigen. In dem Lebensabschnitt, wo ich beschloss, weniger “fuck” zu sagen, hatte ich deutlich seltener Geschlechtsverkehr. Die Macht der Worte.

Andere sagen, ich solle ein Buch schreiben, weil ich immer Vergleiche und Parallelen ziehe, die sonst niemandem einfallen würden. Ich bin mir total sicher, dass das ein Zeichen von Geisteskrankheit ist. Ich weiß nur nicht von welcher. Ein Blick in die Weltliteratur zeigt ja auch, dass viele Autoren ernste psychische Probleme und Nervenzusammenbrüche am laufenden Band hatten. Aber wer bin ich, über mich selbst zu urteilen. Ich habe schon genug damit zu tun, mit meiner besten Freundin über Politiker und Z-Promis zu lästern. Sollten unsere Chats jemals geleaked werden, werde ich wohl auswandern oder in ein Zeugenschutzprogramm eintreten müssen. Gerade weil in meinem Leben bisher so viel los war, habe ich mir auch jede Menge Fähigkeiten, angeeignet, die anderen Menschen völlig abgehen: ich kann witzige Texte schreiben in Momenten, wo andere Menschen eher einen Therapeuten bräuchten und ich kann besonders gut mit Menschen umgehen, die die emotionale Intelligenz einer Karotte haben. So etwas hat zum Beispiel nur Vorteile im Umgang mit manchen Männern oder mit Menschen die grundsätzlich Pech beim Denken haben. Außerdem habe ich viele Insights gesammelt, die in einem Buch quasi aphorismenhaften Allgemeingültigkeitscharakter erwerben könnten. So etwa:

  • Vor dem Internet hat man geglaubt, dass der Grund der menschlichen Dummheit im Informationsmangel liegt. Heute kann ich mit Sicherheit sagen: das war wohl nicht der einzige Grund. Es lebe der der schonungslose Kommentar zur Illusion menschlicher Intelligenz.
  • Die meisten Menschen verletzen sich beim Avocado schneiden.
  • Die schlimmsten Stürze mit Genickbruch passieren in der Küche indem Menschen – sicherlich Männer, die gesagt haben „ich mache das in 2 Minuten“ und nach 2 Stunden anfangen – über offene Geschirrspüler stürzen.

Natürlich habe ich schon über mögliche Buchtitel nachgedacht:

  • Leitfaden zum erfolgreichen Ignorieren von red flags.
  • Mein Lebenskampf: Gottes Werk und Teufels Beitrag.
  • Hassle: Ich und mein kaum geladenes iPhone gegen den Rest der Welt.
  • Aufgedreht. Überreizt. Kopfweh.
  • Zu gut drauf. Zu viel gegessen. Bauchweh.
  • Spannungsfeld Männlichkeit: zwischen Fragilität und Toxizität.
  • Aggressive Weiblichkeit: PMS und der steinige Weg zur Tanke.

Auch über die mögliche Handlung habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht. Das Ganze sollte gehaltvoll sein, dabei nicht zu depressiv rüberkommen. Aber auch mit Positivität sollte man vorsichtig sein. Bücher, in denen niemand stirbt, verkaufen sich schlecht. Genauso ist es mit Büchern ohne Sexpassagen. Ich persönlich lese sehr gerne spannende Bücher mit gebündelter Handlung sowie realitätsgetreu dargestellten Protagonisten und tiefgründiger Motivik.

Bevor ich anfange, muss ich auch noch mit mir ausmachen, ob es ein Roman, eine Kurzgeschichte oder nicht doch ein Sachbuch mit 6000 Fußnoten wird. Wie mittlerweile jedem klar sein dürfte, komme ich immer vom Hölzchen aufs Stöckchen und Retoure. So was muss ich in die Überlegung miteinbeziehen. Die Sache ist aber, dass ich nicht so gerne Dinge erkläre. Dazu habe ich weder die Zeit noch die Buntstifte. Und die Geduld schon gar nicht. Ich denke also, ich sollte eher bei einem fiktionalen Werk bleiben.

Sicher ist nur eins: ein Buch mit inspirational quotes von Peter wäre ohne Zweifel ein Kassenschlager.

Hier ein Florileg:

“Ich bin so seriös wie ein Baum voller Eulen.“

“Is‘ halt auch schwierig, wenn die Zahnpasta aus der Tube ist.“

“Wenn Wandertag ist, ist Wandertag.“

„Manche Leute stehen im Halteverbot des Zumutbaren.“

„Ungern.“

“Alter…“

“Alter, nein…“

Wenn uns nach zwanzig Korrekturschleifen und dem Erstellen von zehn Angeboten, die kein Mensch unterschreibt, irgendein Funke Lebenswillen bleibt und wir das business case mit den Fußfotos zu dem Zeitpunkt noch nicht am Laufen haben, werden wir das Werk selbstverständlich grafisch ansprechend gestalten. Vielleicht wird es aber auch ganz einfach eine Meme-Sammlung in Buchform für Menschen, die nicht so digital-affin sind.

Übrigens: Bald ist Ostern. Vielleicht finden an dem Tag manche Leute ihre Eier.

 

 

 

2 responses to “Schreiben.”

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *