Beziehungen.
Eine Studie hat ergeben, dass 50% der befragten Männer der Meinung sind, dass sie ein in Not geratenes Passagierflugzeug allein sicher landen könnten. Jetzt, wo ich das weiß, hilft es mir manche E-Mails, die ich so bekomme, besser nachzuvollziehen.
Trotzdem habe ich so viele Fragen.
Ich bewundere das gesunde Selbstvertrauen der befragten Männer, stelle mir aber gleichzeitig die Frage, wie es denn sein kann, dass so viele tragische Verkehrsunfälle von eben jener Bevölkerungsgruppe verursacht werden, die eine Boeing sicher landen könnte. Ich würde mal behaupten, genau sowas ist der Grund, wieso es von Aristoteles so geile Büsten gibt und von anderen Leuten halt nicht.
Meine Oma hat gesagt, dass man den Charakter von Männern am besten während Trennungen beurteilen kann.
Ich habe in Trennungssituationen schon viele interessante Dinge erlebt, die nicht immer etwas mit wahrer Größe zu tun hatten. Es wurden Gegenstände von mir zurückverlangt, über deren Existenz ich nicht mal Bescheid wusste. Es wurden Zahnbürsten und einzelne Socken abgeholt. Ich wurde verdächtigt, irgendwelche Kleidungsstücke unterschlagen zu haben oder jemand anders würde sie nun tragen. Es wurde mir unterstellt, ich würde mich promisk betätigen, wenn man kaum den Rücken gekehrt hätte. Zu diesem Vorfall möchte ich anmerken, dass es der Klempner war, der unter Verdacht stand. Ich bin überrascht, was man mir alles zutraut. Aber es hat auch sein Wahres: ich bin direkt aufgedreht, wenn der Postmann zweimal klingelt.
Einmal musste ich sogar das Türschloss ersetzen lassen, weil mir Schlüssel nicht zurückgegeben wurden und ich nicht mehr genügend Schlüssel hatte für die Putzfrau und meine beste Freundin für den sehr wahrscheinlichen Fall, dass ich mich abends einmal aussperre.
Da ich Literaturwissenschaftler bin und man nie genug Meinungen von Männern, die über 50 sind und ihr Geld in der Finanzbranche verdienen hören kann, interessiere ich mich natürlich ganz besonders für gesprochene oder geschriebene Sachverhalte. Hier also letzte Sätze, die ich so gehört habe:
„Ich musste die Katze einschläfern lassen. Das war sehr teuer. Du wirst mir die Hälfte des Betrags überweisen.“ Dass mir nicht schon eher klar war, dass die Ehe nicht halten würde, war mir in dem Moment schleierhaft.
„Ohne mich bist du nichts“. Wie man sich unschwer vorstellen kann: meine Enttäuschung war unermesslich und mein Tag ruiniert. Ich finde aber, dass das eine steile Behauptung ist in Anbetracht der Tatsache, dass ich charakterlich ziemlich breit aufgestellt bin.
Eine andere Person auf meinen Wunsch hin, die Trennung einzuleiten: „okay“ und „👍🏻“. Wie wertvoll ist das denn bitte! Fünf von fünf Sternen gibt’s dafür von mir. Ich habe gelesen, dass mal ein Mann einen Vertrag über mehrere Zehntausend Euro per Daumenhochemoji ungewollt bestätigt hat. Auf einer Skala von 1 bis 10 war der Mann wohl sehr dumm dran.
Jemand muss Männern über 50 sagen, welch umstürzlerische Macht in ihrer einzigen Kommunikationsform liegt.
Eine weitere Person meinte auf meinen Trennungswunsch hin, es gebe noch viele Fische im See. Das mag sein. Persönlich meide ich stehende Gewässer lieber wegen der Bakterienbildung. Ich frage mich, ob nicht eher das Meer gemeint war. Aber ich möchte nicht besserwisserisch rüberkommen. Als Frau muss man heutzutage auf so etwas achten. Ich wünsche dieser Person viel Erfolg beim Fischen.
Aufgrund der Tatsache, dass ich mich generell gut von Trennungen erhole, wurde ich als treulose Tomate beschimpft. Nichts trifft härter als Beleidigungen, die von Nahrungsmitteln abgeleitet sind.
Alle diese Dinge habe ich mir quasi phlegmatisch angehört. So etwas regt mich im Gegensatz zu Menschen, die, wenn’s grün ist, nicht direkt losfahren, nur marginal auf.
Es wundert mich eigentlich nur, dass noch niemand behauptet hat, ich hätte irgendwelche Deckel von Tupperdosen nicht zurückgegeben.
Ich möchte nicht wie eine Männerhasserin rüberkommen. Das bin ich nicht. So ein Mann ist eine phantastische Sache. Die Liste an Vorzügen, die Männer mit sich bringen, ist wirklich sehr lang und beschränkt sich nicht allein auf handwerkliche Tätigkeiten im Haushalt. Kurz: Ich bin ein Fan.
Ich werde oft gefragt, auf welchen Typ Mann ich denn überhaupt stehe. Darüber kann ich selbst nur spekulieren. Wissen Sie, was sie kaufen möchten, bevor sie in einen Laden hineinlaufen und das Angebot begutachten können? Ich nicht. Ich kaufe selbst beim allwöchentlichen Frischemarktbesuch impulsiv ein. Natürlich kommt man dann mit jeder Menge Dinge nach Hause, die man überhaupt nicht braucht und muss mental damit klarkommen, Lebensmittel zu verstauen, die man in einem völlig anderen Geisteszustand gekauft hat.
Ich weiß aber, welcher Männertyp auf mich steht. Um meinen Kontrollwahn zu befriedigen, habe ich in der Vergangenheit sehr viel Geld dafür bezahlt, um auf Dating-Plattformen zu sehen, wer mich liked. Subjektiv betrachtet waren es 60% durchschnittliche Luxemburger über 50. Attribute wie folgt: kreisrunder Haarausfall, Geheimratsecken, karierte Hemden mit kurzem Ärmel und sehr blasse Waden. Sie haben kein Problem mit Klimawandel, dafür aber ein großes Problem mit veganen Menschen auf Grillabenden. Manche davon feuchten sicher den Finger an, um auf dem Smartphone zu scrollen.
Es stellt sich mir die dringende Frage: welche Signale habe ich ausgesandt, damit ich mich in solchen Situationen wieder finde? Ich weiß es nicht. Es müssen sehr seltsame Signale gewesen sein.
Das ist komisch. Denn ich finde, dass ich sehr einfach gestrickt bin. Ich liege gerne nachmittags in meinem Bett, schaue Indie Filme und esse dabei Gemüsesticks mit Hummus. Außerdem bin ich keine 25 mehr. Damit will ich nicht sagen, ich sei steinalt. Aber ich bin schon in einem Alter, wo es ernst ist, wenn man in der Dusche ausrutscht. Wenn ich mir vorstelle, dass ich es durch einen besonders unglücklichen Sturz in die Abendnachrichten schaffe und die das Foto aus meinem Führerschein einblenden, bin ich besorgt.
Ansonsten habe ich charakterlich recht viel zu bieten. Auch was toxische Eigenschaften angeht:
Ich bewege mich gerne auf dünnem Eis. Ich kenne mich da aber aus: meine Mutter hat mich als Kind zum Eiskunstlauf gezwungen. Daran kann man auch sehen, dass ich sehr viel mit mir machen lasse.
Ich treffe bewusst falsche Entscheidungen und bin dann von Ergebnis völlig überrascht. Genauso ist es auch mit Aktivismus bezüglich Anweisungen, die ich nur halb gelesen habe oder die in den Untiefen meines autoimmunen brain fog untergegangen sind. Von diesen Aktionen weiß ich hinterher oftmals nichts mehr. Über Dinge, die man nicht mehr weiß, kann man sich auch nicht schämen. Das ist der Vorteil solcher Erkrankungen.
Ich mache Situationen mit deplatziertem Sarkasmus und Witzen, die keiner außer Peter und ich versteht, schlimmer. Ich sage Dinge, wo man nicht genau weiß, ob sie peinlich oder brillant sind. Überdurchschnittliche Begabung, und Grenzdebilität trennt nur eine dünne Linie. Bei manchen meiner Einfälle bin ich mir nicht so sicher, auf welcher Seite ich stehe. Da ist es gut, Menschen um sich zu haben, die einem Bodenhaftung geben. Mit denen unterhalte ich mich, nachdem wir geklärt haben, ob der Einfall nun gut oder scheiße war, am liebsten über Kulinarik und Wein.
Ich habe eine Menge Freunde, die sehr diplomatisch sind. Ich bewundere das, denn ich bin nicht diplomatisch. Ich bin eher aufbrausend. Ich hatte mich noch nie besonders gut im Griff, wenn mir irgendetwas nicht passt. Irgendwann kommt immer mein innerer Psycho zum Vorschein. Mir wurde sogar vorgeworfen, ich sei ruchlos und man habe den Eindruck, dass ein Rudel Wölfe mich großgezogen hat. Wenn meine Mutter das mitbekäme, wäre sie sicher verstört. Ich habe mit meiner Oma darüber geredet. Das sei eine liebenswerte Besonderheit, meinte meine Oma, die selbst mehrere Male geschieden war.
Trotzdem wird mir sehr oft angekreidet, ich sei unnahbar. Tja. Und trotzdem stehen wir nun hier, Klaus. Was soll ich sagen.
Mein toxischster Charakterzug? Ich erwarte gesunden Menschenverstand und werde bös, wenn ich feststelle, dass er nicht vorhanden ist.
Ich bin eitel und falle auf Äußerlichkeiten rein. Auch bei Männern. Deswegen diskutiere ich alles zuerst mit meiner besten Freundin. Sie ist nicht nur gut in Excel und darin sich meine Passwörter zu merken, sie könnte auch durchaus beim FBI arbeiten: „Er heißt Paul? Wie noch? Haben wir irgendwelche Informationen? Keine? Was soll das heißen? Wieso hast du nicht gefragt? Aha… nun gut… Moment!“ Nach einer Viertelstunde, Rückkehr mit vollem Stammbaum sowie Fotobelegen. Diese Eigenschaft meiner besten Freundin hat mir schon viele unangenehme Situationen erspart.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich in meinem Leben viele erfüllende Beziehungen hatte. Ich bin überzeugt, dass das etwas mit meinem sonnigen Gemüt zu tun hat.
Beim Aufräumen habe ich mein Tagebuch aus der dritten Klasse wiedergefunden: „Bruno hat mich verlassen. Er geht jetzt mir Klara. Ich werde nie darüber hinwegkommen.“
Eine Woche später: „Ich gehe mit Damian. Er hat schöneres Haar als Bruno.“
Ich habe keine Ahnung, wer Bruno ist.