Botox.
Neulich habe ich erfahren, dass viele meiner Freundinnen Botox benutzen. Jetzt schon. Ich habe das nicht geahnt. Das ist verstörend. Ich dachte, wir seien noch jung. Seit dem Tag fühle ich mich plötzlich alt. Ich bin 38. Also in dem Alter, wo man oft von anderen Menschen gefragt wird, wie es einem geht. Hört auf das zu fragen. Ich möchte das ignorieren. Es reicht mir, damit konfrontiert zu sein, dass mir jeden Morgen beim Aufstehen irgendein Körperteil, das am Vorabend noch völlig in Ordnung war, wehtut und ich dann zunächst darüber entscheiden muss, ob ich zum Arzt gehen sollte. Seit meine Hausärztin mir vorgeschlagen hat, einen Bluttest zu meinem biologischen Alter zu machen, gehe ich da nicht mehr so gerne hin. Das ist mir definitiv zu heiß. Ich muss nicht alles im Leben wissen. Es reicht mir schon, tagtäglich im Spannungsfeld der Gewissheit meiner eigenen Endlichkeit zu wandeln.
Ich habe über die Sache mit dem Botox gründlich nachgedacht. Ich habe Filme auf YouTube darüber angeschaut, vorher-nachher Bilder gegoogelt, Erfahrungsberichte über irgendwelche Ärzte gelesen und selbstverständlich auch TikTok durchforstet. Ich habe Angst hinterher ein Auge nicht mehr aufzubekommen, sehr lange damit leben zu müssen und dass die Leute dann starren.
Besonders Männer lassen sich von optischen Veränderungen leicht aus der Fassung bringen. Sie merken, dass irgendetwas anders ist, können aber nicht sagen, was und sind dadurch irritiert. Als ich mir an der Uni dreissig Zentimeter Haare abschneiden ließ und die Farbe von aschblond auf schwarz wechselte, sagte mein Professor: „Vallenthini, irgendwas ist anders an Ihnen. Ich kann nur noch nicht sagen, was es ist.“ Damals hatte noch jeder Ordinarius seine eigene Sekretärin. Die Sekretärin schüttelte nur resigniert den Kopf und rollte den Overheadprojektor in den Seminarraum.
Vor zwei Jahren habe ich mir die Haare völlig abrasiert. Alle waren überrascht. Manche erschrocken. Wahrscheinlich dachten sie, das sei eine Art Britney Spears Momentum. Dass ich ausrasten und halbnackt den boulevard Royal hoch und runter renne würde. Und auch noch jemanden heiraten könnte, den ich kaum kenne, um mich eine Woche später scheiden zu lassen. Wieso sollte ich etwas Derartiges tun? Es ist sau nervig, sich in Luxemburg scheiden zu lassen. Ich sehe mich das nicht noch mal durchmachen. Ich musste alle Möbel neu kaufen und war wochenlang damit beschäftigt, auf Handwerker zu warten, die gesagt haben, sie kämen zwischen 8:00 und 17:00 Uhr. Ich bin immer noch erstaunt, dass die Leute mir so etwas zugetraut haben. Ich wollte nur die Haarfarbe ändern, ohne alles rauswachsen zu lassen. Weil ich keine Geduld habe, greife ich immer gerne zu radikalen Mitteln, die schneller gehen. So etwas macht mir nichts aus.
Als ich bei der Industriellenvereinigung gearbeitet habe, war einmal eine Person von KPMG da. Sie hatte sogar ein eigenes Büro. Sie war zwar die netteste und einfühlsamste Person die ich je von einem Big 4 erlebte, hat aber unwillentlich alle genervt. Sie wollte mich dazu bringen, Dinge in ein Excel einzutragen. Ich habe das selbstverständlich nicht getan. Ich mache das nicht mit Absicht. Es kommt daher, weil ich, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, Excel wirklich nicht kann. Zweitens bin ich veränderungsresistent. Bei mir bekommt der teuerste Satz der Welt („das habe ich schon immer so gemacht“) eine völlig neue Dimension. Zum Beispiel verbrenne ich mir seit zwei Jahren die Finger indem ich Nudeln in ein kaputtes Sieb abgieße, anstatt mir ein neues zu holen. Wahrscheinlich kauft mir meine Mutter irgendwann aus Mitleid ein Edelstahlsieb von WMF. Man hat am Ende notgedrungen darauf verzichtet, mich zu der Excel-Sache zu zwingen. Was äußerliche Veränderungen angeht, bin ich dagegen schmerzfrei. Würde man mich nachts um drei wecken und mir sagen, ich solle auf der Stelle aufstehen und mir die Augenbrauen abrasieren lassen, ich würde es tun. Logisch. Das wächst ja nach. Ich würde vielleicht nur mit der Person darüber diskutieren, ob es nicht es besser wäre, die Augenbrauen weg zu waxen.
Aussehen ist mir wichtig. Deswegen meine ich manchmal, ich müsse eine Diät machen. Es gibt so viele verschiedene Diäten. Das macht mich völlig durcheinander. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Und im Grunde genommen habe ich auch Angst, Hunger zu haben. Ich werde dann völlig untragbar und stresse meine Angehörigen rücksichtslos, um möglichst schnell in ein Restaurant zu kommen. Mein Ex-Mann hat in solch einer Situation einmal vor Stress an der Tankstelle Benzin statt Diesel ins Auto getan. Ich werde nie verstehen, wieso Männer immer erst dann realisieren, dass sie verschiedene Dinge erledigen müssen, wenn man los muss. Sie fangen dann zum Beispiel an aufs Klo zu gehen und kommen dort ewig und drei Jahre nicht mehr raus. Jedenfalls haben wir über eine Stunde an der Tanke auf den Abschleppdienst gewartet. Gottseidank konnte man dort Snacks kaufen. Es war klar, dass die Ehe scheitern würde.
Man muss nicht unbedingt eine Diät machen. An manchen Schrauben kann man sehr leicht drehen. Zum Beispiel kaufe ich oft ganz bewusst keine Snacks. Damit ich sie später auch nicht essen kann. Einfach clever. Das gibt jedes Mal einen riesigen Serotonin Flash im Supermarkt. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem es einem Leid tut. Und man anfängt darüber nachzudenken, wieso man oft so schlechte Entscheidungen trifft. Ob man noch in anderen Lebensbereichen anders hätte entscheiden sollen. Am Ende setzt man sich im Jogginganzug ins Auto und fährt zur Tanke, um Milchschnitte zu holen. Gute 10l Benzin futsch. Für nix.
Karl Lagerfeld hat gesagt, dass Menschen, die im Jogginganzug vor die Tür gehen, die Kontrolle über ihr Leben verloren haben. Ich bin erstaunt darüber, wie viel eigene Hässlichkeit ich bereit bin, in Kauf zu nehmen, wenn ich Essen hole, das ich lieber nicht essen sollte. Meine Oma hat immer gesagt: „Kind, alles im Leben geht bergab. Merk dir das!“ Da war ich fünf und wusste nicht so recht, was sie meint. Jetzt weiss ich, dass sie damit sicher nicht das Wasser meinte. Meine Oma war eine Frau von Welt. Sie war zwei oder dreimal verheiratet. Da weiss man, wovon man spricht.
Ich habe Excel übrigens wieder falsch geschrieben.