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Kommunikation.

By Michèle Vallenthini

Ich arbeite in der Kommunikation. Das ist eine sehr spezielle Sparte. Man hat jeden Tag mit Menschen zu tun.

Ich weiss nicht mehr, wie es dazu kam. Ich bin promovierter Literaturwissenschaftler. Ich habe 600 Seiten mit 3000 Fussnoten und einer 40-seitigen Bibliografie über Zeit- und Geschichtsmotivik im späten Werk des Marquis de Sade geschrieben. Wenn man sagt, dass man zum Marquis promoviert hat, lodert in den Augen mancher Männer sofort ein zartes Flämmlein auf. Ich glaube, sie stellen sich dann vor, dass man besonders gut im Bett ist. Wahrscheinlich wissen sie nicht, dass in Sades Büchern den Protagonisten zum Beispiel die Zehennägel ausgerissen werden, bevor sie an den Haaren aufgehängt zu Tode gepeitscht werden. Meine Eltern haben während meines Studiums nie verstanden, was ich überhaupt den ganzen Tag tue und waren überrascht als ich einen Job fand.

Bevor ich selbstständig wurde, hatte ich mehrere Chefs. Ich habe alle kirre gemacht. Als Angestellter war ich eine Katastrophe. Ich diskutierte ständig und musste immer das letzte Wort haben. Oft ging ich zwei Stunden später sogar noch einmal zurück und fing wieder an: „… was ich noch sagen wollte…“. Alle meine Chefs waren Männer. Sie waren sehr genervt von meiner Art. Vielleicht hat das sie an zuhause erinnert.
Ich stehe nicht gerne früh auf. Wenn ich um 7 Uhr hoch muss, habe ich das Gefühl, dass ich sterbe und mir ist den ganzen Tag lang übel. Wenn man Angestellter ist, muss man aber beizeiten im Büro sein. Auch wenn es nichts zu tun gibt. Ich habe das nie verstanden. Deswegen bin ich selbständig geworden. Jetzt kann ich zwar vor Sorge manchmal nicht einschlafen, dafür kann ich aber ausschlafen.

Jedenfalls mache ich jetzt Kommunikation. Zusammen mit Peter, meinem wirklich tollen Creative Director. Wir sind nur zu zweit also versuchen wir uns gut zu organisieren und Projekte gescheit auszuwählen.

In der Kommunikation zu arbeiten ist nicht immer leicht. Es passieren mitunter Dinge, die dazu führen, dass ich mir viele Fragen stelle. Dabei realisiere ich jedes Mal, dass ich noch sehr viele Jahre arbeiten muss.

Ich schreibe gerne. Eines meiner Aufgabenfelder besteht also darin, Texte zu schreiben. Die Leute schreiben Texte ständig um, weil sie meinen, sie könnten es selbst besser. Das ist okay für mich. Ich finde es gut, wenn man Texte perfektionieren möchte. Flaubert bekam epileptische Anfälle auf der Suche nach dem richtigen Wort. Aber was mich wirklich stresst: man ist bei Textversion 23, denkt, man sähe Licht. Dann schickt jemand Anmerkungen zu Version 14. Eine andere Person gibt das “bon à tirer”. Zwei Tage bevor die Sache in den Druck gehen soll, bekommt man per Post handschriftliche Verbesserungen auf Version 22.

Regelmässig fragen irgendwelche Leute, ob man etwas umsonst machen kann. Das ist problematisch. Gerade jetzt wo die gefühlt hundertste Indextranche kickt. Sie fragen meist aufgrund vager Versprechen vom großen Geld oder “krassen Dingern”, die gedreht werden sollen. Ich finde das dubios und mache dann besser nichts. Lieber würde ich mich ohne Proviant im Regenwald verlaufen als noch jemals ein Logo umsonst zu machen. Ich bin deswegen schon oft beschimpft worden. Es wurde mir vorgeworfen, ich würde Gelegenheiten, die mich in zehn Jahren reich machen könnten, nicht erkennen. Das mag sein. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich so schlecht rechnen kann.
Ich verstehe nicht, wieso ich so oft gefragt werde, etwas einfach so zu tun. Ich bitte die Leute ja auch nicht umsonst meine Wohnung zu streichen, mein Auto für lau zu reparieren, mich gratis vor Gericht zu vertreten, oder was auch immer es ist, womit sie ihr Leben verdienen.

Manche Kunden bezahlen ihre Rechnungen nicht. Wer würde das denken. Also ich nicht. Ich bin gutgläubig und vertrauensvoll. Aber genau das ist Peter und mir tatsächlich einmal passiert. Wir haben monatelang unglaublich viel gearbeitet. Der Kunde hat alle Grafiken benutzt und als die Rechnung kam, meinte er, die Arbeit sei nicht nach seinem Gusto und deswegen würde er nicht zahlen. Oder nur einen Teil des Betrags. Ach so.
Ich weiss nicht… Sind Sie schon mal zum Bäcker gegangen, haben dort ein halbes Croissant angefressen und dann gesagt, sie würden es nicht bezahlen, weil es nicht so ist, wie Sie es sich vorgestellt haben? Ich glaube, dann würde die Polizei kommen. Und wäre darüber sehr genervt. Zu Recht. Extra rausfahren, weil jemand ein Hörnchen klaut…

Peter hat jede Menge anderer Probleme. Die gehen ungefähr so:  “Ich habe das Logo meiner Schwiegermutter gezeigt. Sie hat einen sehr guten Geschmack.”, “Machen Sie das Logo grösser!!”, “Mehr out of the box. Sie sind doch kreativ!”, “Hmmm, doch nicht sooooo out of the box…”, “Ich habe selbst mal schnell was gemalt, können Sie das in den Computer tun?”, “Mein Neffe hat auch Photoshop – der kann das machen!”, “Bon à tirer! Die restlichen Korrekturen schicke ich dann morgen!”, “Ich habe Ihnen alle Bilder in ein Word Dokument getan…”, “Ich habe ja auch Ahnung von Design…”, “Fangen Sie schon mal an, das Briefing ist nächste Woche fertig.” Solche Dinge halt. Dabei entsteht oft der heisse Scheiss von 1990. Aber auch viele Juwelen zeitloser Eleganz, an die man nicht besonders gerne zurückdenkt.

Viele Menschen können sich auch gar nicht mehr konzentrieren. Neulich hat Peter nur durch reinen Zufall mitbekommen, wie eine Druckerei einem unserer Kunden eine Broschüre geliefert hat, in der die Hälfte des Inhalts im Falz verschwunden war. Da hat sogar Peter sich aufgeregt. “ALTER!!! EY”, hat er mir geschrieben. Ich war kaum wach zu dem Zeitpunkt, aber ich wusste sofort: sein Tag war verpfuscht. Ich sage Peter manchmal unnötiger Weise, er solle sich nicht aufregen. “Michèle, du weisst ja, ich bin so seriös wie ein Baum voller Eulen”, meint er dazu.

Ich kann sagen, dass in meinem Leben bisher von allem etwas dabei war. Das alles führt dazu, dass ich mich neuerdings öfters frage, ob ich nicht eine Umschulung zum Bäcker machen sollte. Dazu müsste ich sehr früh aufstehen. Es hätte aber den Vorteil, dass ich nachts Semmeln kneten könnte und nicht mehr mit so vielen Menschen zusammenarbeiten müsste.

Peter hat übrigens Hühner. Deswegen steht er sehr früh auf.

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