Politiker & Poritzen.
Ich habe einmal live mitbekommen, wie ein ziemlich bekannter Politiker in der Stadt vor lauter Grüßen gegen eine Glastür gelaufen ist obwohl da diese Sticker darauf klebten, die Vögel davon abhalten sollen, in die Scheibe zu fliegen. Der Kontrollverlust war für ihn wohl das Schlimmste an der Sache. Über den Laden aufregen, konnte er sich schlecht. Man will schließlich gewählt werden.
Nachdem ich diesem Vorfall beobachtet hatte, wusste ich, ich könnte niemals Politiker werden.
Ich kann mit vielen Dingen leben. Zum Beispiel räume ich selten etwas direkt weg. Grundsätzlich nur Porzellan an dem Essensreste kleben. Das lasse ich höchstens liegen, wenn ich weiß, dass meine Mutter am folgenden Tag kommt und ich für sie ein Beschäftigungsfeld brauche, das sie davon abhält, mir pausenlos praktische Tipps fürs Leben zugeben und mich zu fragen, ob es nicht doch besser wäre, Staatsbeamter zu werden. Ich kann aber zwei Wochen lang eine flauschige rosa Mütze auf dem Flurboden liegen lassen und jeden Tag auf dem Weg zur Küche mindestens fünf Mal darüber stolpern. Ohne mich darüber aufzuregen. Solche Dinge perlen an mir ab.
Akzeptanz von Schrott. Das ist eine quasi politische Eigenschaft.
Bei Politikern muss man die Dinge fairerweise differenziert sehen: man kann nicht einseitig behaupten, dass viele von denen sehr viel Schrott produzieren, den wir nicht möchten. Ja, das auch. Aber, nein. Viele von denen müssen auch sehr viele Dinge tun, die sie selbst nicht möchten. Möchten Sie zu jeder Kavalkade im Lande? Möchten Sie auf jeder Dorf-Fete eine Bratwurst essen? Möchten Sie die kuriosesten Dinge einweihen? Möchten Sie zu jedem Neujahrsempfang und den insignifikantesten Spatenstichen beiwohnen? Also ich nicht. Ich war einmal mit dem Erbgroßherzog auf einem Empfang anlässlich des 20-jährigen Jubiläums einer Firma die Klospülungsmechanismen herstellt. Ich hatte den Eindruck, als würde er jede Minute genießen. Ich habe ihn darauf angesprochen, wie er das macht. Er fragte mich, was genau ich meine. Ja, schwer zu sagen… Jedenfalls, an dieser Stelle Kudos an den Erbgroßherzog für seine unerschütterliche Energie. Ich stoße schon an meine Grenzen, wenn ich den Neujahrsempfang der Industriellenvereinigung moderiere. Daran nehmen mehr als 800 Menschen teil, von denen mir dann später sicher 50 sagen, dass sie mich kennen und mich fragen, ob ich sie im Publikum nicht gesehen hätte. Ich sage dann: „Ja, Sie waren der 9. von rechts in Reihe 27. mittiger Block.“
Ich bin auch total kompromisslos. Auf manche Dinge habe ich einfach keine Lust. Ich gehe mit Unlust sehr offen um. Ich bin längst aus dem Alter raus wo einem als Frau noch unterstellt wird, man würde „Ja“ meinen, wenn man „Nein“ sagt.
Manche Leute – ich kann nicht immer Politiker sagen – sind da etwas diplomatischer: „Ja gerne“, „aber sicher doch“, „immer“, „ich bin dabei“, „natürlich“, „sehr interessant“, „toll“, „ich freue mich“…
Ich sage immer erst mal „Nein.“
„Machen Sie das Logo grösser.“ „Nein.“
„Machen Sie ein Logo darauf.“ „Nein.“
„Wollen wir das Meeting physisch machen?“ „Nein.“
„Willst du nicht lieber weniger Kaffee trinken?“ „Nein.“
„Dies ist ein Pitch, machen Sie trotzdem mit?“ „Nein.“
„Könnten Sie eine Veranstaltung über regionale Mülldeponien moderieren?“ „Nein.“
„Man kann jedes Medikament durch ein ätherisches Öl ersetzen.“ „Nein.“
„Willst du mit?“ „Nein.“
„Darf ich was sagen?“ „Nein.“
„Können Sie das für die Hälfte des Preises tun?“ „Nein.“
„Möchtest du nicht früher aufstehen? Denn Morgenstund’ hat Gold im Mund.“ Hierzu wirklich nur in aller Kürze: „Nein!“
Bei solchen Fragen würde jeder politisch aktive Mensch, der ein Mandat anstrebt „Ja“ sagen. Manche von denen würden sogar beim Bullriding mitmachen. Da bin ich mir völlig sicher. Aber wer wäre ich, darüber zu urteilen. Ich bin eine Person, die Einhörner mag. Mit 38. Das kann man auch seltsam finden.
Meiner Meinung nach soll jeder tun, was er will. Ich möchte nur nicht gezwungen sein den Leuten – Politikern – bei den Dingen, die sie tun wollen, zuzusehen.
Man wird nolens volens mit den schärfsten Ereignissen konfrontiert: Politiker beim Radfahren, Politiker beim Joggen, Politiker beim Arbeiten (Ja wow, krass. Respekt! Habe ich noch nie getan), Politiker bei Nationalkongressen, Politiker beim Spazierengehen, Politiker auf der „Schueberfouer“, Politiker beim Backen, Politiker, die nie Lachen beim Lachen, Politiker beim Tun von Dingen, die unter dem Himmel der Ewigkeit nicht besonders bedeutend sind. Gottseidank haben wir noch keinen von denen nackt gesehen. Ich will‘s nur gesagt haben.
Ich habe verstanden, dass das alles, wenigstens noch bis Oktober dauert, dass es grundsätzlich aber nie ein systematisches Ende geben wird.
Nicht okay. Aber okay…
Woher kommt das alles, habe ich mich gefragt. Ich bin zum Schluss gekommen, dass wohl eine Person aus der gleichen Berufssparte wie ich, denen gesagt haben muss: „Zeigt euch menschlich!“ Menschlichkeit verwechselt man natürlich irre schnell mit Mug- oder Body-Shots. Was soll ich sagen… Intelligenz wird von der Evolution nicht unbedingt belohnt. Manchmal denke ich darüber nach, stellvertretend für meinen gesamten Berufsstand den Job zu wechseln.
Das Schärfste im Leben eines Politikers ist wohl ein Foto mit Balkenstein Stulpnagel vom Journal. Ich hatte noch keins. Aber das ist meine eigene Schuld. Ich tue mich schwer mit Terminfindungen, die meine Netflix-Pläne durchkreuzen.
Ich lache gerne. Ich frage mich, wieso „die“ – also die Politiker – selten etwas Lustiges posten. Als ich beim Zirkus gearbeitet habe, habe ich immer meinen Chef, der auch noch Clown war und keinen Führerschein besaß, herumgefahren. Einmal mussten wir meinetwegen unvorhergesehen an einer überbevölkerten Tanke halten. Sowas möchte man vermeiden, wenn der Beifahrer Promistatus genießt. Jedenfalls stieg er aus und verhedderte sich dabei auf eine mir immer noch nicht ersichtliche Art mit dem Fuß im Sicherheitsgurt. Es wurde einer dieser vier Meter langen Stolperer. Am Ende fragte ein Autofahrer: „Sind Sie mit der Nummer noch frei?“. Ich dachte, ich würde entlassen werden, weil ich zu nah an der eh schon hohen Bordsteinkante geparkt hatte. Aber: „Hast du das auf Video für alle die‘s verpasst haben?“ Echte Volksnähe. Oder auch Selbsthumor genannt.
Ich habe gehört, dass ein Politiker sich bei einer Studentenfete beim Schlagen eines Purzelbaums den Finger gebrochen haben soll. Leider gab es damals noch keine iPhones.
Ich selbst habe einmal beobachtet, wie jemand eines dieser Feuchttücher, die mit Wasser aufgegossen werden, gegessen hat im Glauben es sei ein Pfefferminzbonbon. Ja, er hat das Teil runtergeschluckt. Was hätte er auch tun sollen? Das ist die Sache mit der männlichen Ehre. Man möchte nicht wissen, wie der spätere Abend sich im Bad entwickelt hat.
Sowas wäre quality content. Sehr menschlich.
Ich wurde von mehreren Parteien gefragt, ob ich nicht bei denen mitmischen möchte. Also richtig offiziell. Ist das nicht unheimlich? Denn wir sprechen hier von völlig unterschiedlichen Gesinnungen… Theoretisch.
Manche fragten mich aufgrund des Umstands, dass ich eine Frau bin. Ich bin so geboren. Es ist keine Leistung. An diesem Umstand kann ich auch leider ohne großen operativen Aufwand nichts ändern. Das möchte ich nicht. Nach Narkosen muss ich mich immer stundenlang übergeben. Es geht mir aber auf die Nerven, dass mich jemand nur deswegen etwas fragt, weil ich eine Frau bin. Ja, okay ich frage Männer auch in ganz bestimmten Zusammenhängen. Diese sind aber eher praktischer Natur. Zum Beispiel bei Problematiken, die mit Elektrisch zu tun haben oder Dingen, wo gebohrt werden muss, oder wenn Filme illegal runtergeladen werden müssen.
Einmal musste ich einen Klempner holen, weil der Siphon in der Küche leckte und ich es trotz YouTube-Tutorials nicht selbst beheben konnte. Er kam und meinte, das sei ein ganz einfacher Mechanismus. Und wieso kein Mann im Haus sei, um das in Ordnung zu bringen. Ich habe darauf verzichtet, ihm zu sagen, dass ich ihn nicht geholt habe, um mir praktische Kniffe für ein glücklicheres Leben zu geben (das erledigt bereits meine Mutter) und ihn einfach nur gebeten den Siphon zu flicken.
An Ende fragte er, ob er einen Kaffee haben könne. „Nein.“
Keine fünf Minuten nachdem er weg war, tropfte der Siphon wieder. Er musste zurückkommen und es noch mal machen… So viel zum Thema einfache Mechanismen und zu Männern in Häusern. Oder Wohnungen. Generell zu Männern. Und überhaupt auch zu Handwerkern.
Ich war aber sehr erleichtert, dass er eine ordentliche Hose anhatte und ich seine Poritze nicht gesehen habe. Solche Dinge vergisst man genauso schlecht wie einen Autounfall mit ganz schlimm Verletzten.
Ach ja: Anscheinend feiert das Arschgeweih dieses Jahr sein Come-back. Bitte nicht.