Recht haben.
Ich bin aus dem Alter raus, wo ich noch Prinzipiendiskussionen führen möchte. Wenn überhaupt, dann praktiziere ich nur mehr Rechthaberei.
Ich möchte vorwegschicken, dass ich bei manchen Dingen nicht so gerne recht habe. Ich habe zwar keine Kinder und mir werden deswegen immer persönliche Fragen gestellt, aber ich sehe es zum Beispiel schon lange im Voraus kommen, dass ein Kleinkind sich den Kopf anhauen wird, wenn im gleichen Raum ein Glastisch steht. Es ist eine Tatsache. Natürlich tue ich, wenn’s knallt, genauso schockiert, wie die Eltern, weil es unchristlich wäre in dem Moment zu sagen, man hätte es gewusst und hätte Recht behalten.
Ansonsten gebe ich aber gerne alles. Denn Recht haben ist fantastisch. Man fühlt sich, als hätte man gerade das Feuer erfunden. Tierisch überlegen. Wahnsinnig stark. Unübertroffen clever. So müssen Männer sich wohl täglich fühlen.
Doof ist natürlich, wenn man richtig kämpferisch auf eine Tatsache bestanden oder eine Nachricht als Fakt verbreitet hat, und dann, nach einem zweistündigen Streitgespräch merkt, dass dem doch nicht so ist. Es ist wahnsinnig schwer aus solchen Situationen wieder herauszukommen. Man kann sich ja schlecht einfach totstellen. Wenn’s mit dem Partner ist, lässt sich das sehr günstig lösen. Man denkt sich schnell irgendetwas aus, was der Mann vor, sagen wir mal, fünf Jahren falsch gemacht hat und diskutiert das im Detail. Wenn er einen leeren Blick bekommt und sagt, er könne sich nicht erinnern, regt man sich am besten darüber auf, dass er nie zuhört. Das gibt garantiert Bombenstimmung. Wenn ich merke, dass ich richtig verkackt habe, fange ich einfach an zu weinen. Das funktioniert bei meinem Freund zwar weniger gut als bei der Polizei, wenn ein Polizist mich maßregelt, wenn er mich beim Telefonieren am Steuer erwischt, aber immerhin. Besser als nichts. Und man kann irgendwie erhobenen Hauptes das Streitgespräch verlassen. Nicht triumphal aber immerhin aufrecht.
Das passiert mir immer wieder. Ich habe absolut keine Ahnung, was man daraus lernen soll.
Ich werde oftmals vor etwas gewarnt, tue es trotzdem und am Ende wenn es schief läuft, stehe ich da wie ein Vollhorst. Ich kann schon gar nicht mehr sagen, wie oft mir das passiert ist. Mit Männern, die sich als dubios entpuppten, mit sündhaft teuren Kleidern, die ich am Ende niemals angezogen habe, mit Schuhen, in denen es unmöglich ist, mehr als zwanzig Meter normal zu laufen, mit über farbenfrohen Lippenstiften, die ich niemals benutzt habe. Überhaupt habe ich so manche blöde Entscheidung im Leben getroffen: kurz vor Kriegsausbruch einen end krassen Benziner gekauft, eine Reise nach Osteuropa gebucht, einen ganzen Stapel Papiere weggeschmissen und einen Monat später realisiert, dass dort meine gesamte Buchhaltung dabei war. Schlau war das alles nicht.
Gelobt seien jene Menschen um mich herum, die in solchen Situationen darauf verzichten, den einen Satz zu sagen. Solche Leute muss man sich warmhalten.
Auch am Computer behalte ich gerne Recht. Ich gebe regelmäßig drei Mal das falsche Passwort ein. Völlig überzeugt von mir selbst. Wir sprechen von Passwörtern wie «Mama3000!» oder Kombos mit meinem eigenen Geburtsdatum. «Sexklub1904?» hatte ich auch irgendwann mal.
Meine Excel-versierte Freundin stirbt innerlich jedes Mal einen qualvollen Tod, wenn sie das zufällig aus dem Augenwinkel beobachtet. Sie hat sogar eine Dropbox keychain. sie weiß, wie ich bin. Deswegen merkt sie sich mittlerweile auch manche meiner Passwörter und kommt dann, wenn ich sie selbst nicht mehr weiß und auch das Post-it wo sie draufstanden, weggeschmissen habe, damit um die Ecke wie Moses vor dem gespaltenen Meer.
Bei der Bank musste man jeden Monat das Passwort wechseln. Natürlich gab das oft wahnsinniges Chaos. Alle schrieben sich die Passwörter auf, klebten sie auf den Schreibtisch oder an den Bildschirm, legten sie in die Schublade. Natürlich schmeisst Reinigungspersonal oft Papierfitzel weg. Jedenfalls liefen montags ganze Heerscharen ziellos durch die Flure auf der Suche nach einem freien Informatiker. Regelmäßig mussten Informatiker in Meetings kommen, weil sich jemand auf seinem iPad nicht mehr einloggen konnte. Mich hat es jedes Mal gefreut, denn dann musste man sich wenigstens in den zehn Minuten keine PowerPoint Präsentation mit viel zu kleinem Schriftsatz ansehen.
Überhaupt sind Informatiker die ärmsten Schweine der Welt direkt nach Callcenter-Mitarbeitern. IT-Leute sind Menschen, die mehrmals pro Woche zig Kilometer zurücklegen nur um einen Power-Knopf zu drücken, von dem drei verschiedene Menschen behauptet haben, dass er selbstverständlich bereits aktiviert sei. Ich finde man braucht sich nicht darüber zu wundern, wieso dieser Menschenschlag oft nicht so gut drauf ist.
Ich möchte auch wirklich nicht bei einer Hotline arbeiten. Auch hier behaupten die Leute permanent, irgendwelche Dinge würden nicht funktionieren oder sie hätten die Dinge nie erhalten, die Dinge seien kaputt angekommen…
Ich sag’s direkt: Ich bin ein Hotline-Troll. Ich kann auf einer Hotline völlig ausrasten, obwohl ich genau weiß, dass die Person, mit der ich spreche, möglicherweise in Dehli sitzt, sowieso nicht Schuld ist an meinem Problem und keine Antwort auf sarkastische Bemerkungen oder Fragen hat, die nicht im Briefing stehen.
Ich rege mich auch sehr gerne an Bankschaltern auf. Vor Kurzem habe ich mich unglaublich darüber echauffiert, dass «die» mein Geld in Gefangenschaft halten, weil die V Pay Karte bei 1250 Euro gedeckelt ist. Als ich mich umdrehte, um meiner Rede mehr Nachdruck zu verleihen und andere Kunden dazu zu motivieren mir beizupflichten, stand mein Freund plötzlich nicht mehr hinter mir. Ich denke es war nicht wegen des abgelaufenen Parktickets. Er möchte mich in respektvoller Erinnerung behalten, falls wir uns einmal trennen.
Ich war so aufgebracht, dass ich beim Verlassen der Bank gegen die Glastür gelaufen bin und mir dabei fast die Nase gebrochen hätte. So eine Krankenversicherung muss sich ja auch lohnen. Ausserdem haben die auch Hotlines, bei denen man sich beschweren kann. Ich will an dieser Stelle anmerken, dass ich das mir den zwei Türen hintereinander in Banken nicht gut finde. Wie soll ich da nach dem Wortgefecht mit dem nötigen Elan rauskommen?
Als sie mir mein erstes Sparbuch eröffnet hat, meinte meine Oma zu dem Mann am Bankschalter, sie würde das jetzt nur tun, weil es sich so gehört, es sei aber besser, sein Geld im Garten zu vergraben. Ich bin selbständig und kann mir nix mit Garten leisten. Das mit dem Recht haben muss mir also reichen.