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Steuern.

By Michèle Vallenthini

Ich bin selbstständig. Deswegen pflegt die Steuerverwaltung einen regen Briefkontakt mit mir.

An manchen Tagen gehe ich zum Briefkasten und es sind gleich acht Umschläge von diesen Leuten drin. Solche Dinge machen es mir schwer, entspannt in den Tag zu starten. Das bedeutet nämlich, dass ich erst alle diese Umschläge öffnen und dann nachvollziehen muss, wie der Inhalt der Briefe zusammenhängt. Meistens stellt sich heraus, dass der letzte Brief den ersten komplett in Frage stellt. Da ich mich darüber innerlich sehr aufrege, verzichte ich mittlerweile auf den Versuch, die Korrespondenz zu verstehen, kontaktiere direkt meinen Buchhalter und schicke ihm schiefe Fotos der Briefe über Facebook Messenger. Er sagt mir jedes Mal, ich solle das nicht tun, er sei mehr auf WhatsApp unterwegs. Also schicke ich das dann auf WhatsApp. Dann schreibt er mir, ich solle ihm die Briefe einscannen.

Wir haben 2023. Ich habe einen Multifunktionsdrucker. Man kann scannen, kopieren, faxen, E-Mails schicken, einen USB-Stick hineinstecken, drucken in A4 und sogar A3. Theoretisch. Komischerweise kann ich seit über einem Jahr nur mehr drucken. Schief auch noch. Also gehe ich zu einer Firma, die gegenüber von mir Industriebacköfen herstellt, und bitte jemanden, mir die Dokumente einzuscannen. Manchmal fällt mir natürlich eiskalt ein, dass das vielleicht keine so tolle Idee ist, weil die dadurch mitbekommen, wie‘s bei mir finanziell so ausschaut. Deswegen setze ich mich am Ende ins Auto und fahre die acht Blätter zum Buchhalter.

Mein Buchhalter ist sehr groß und spricht mit dunkler, ruhiger Stimme. Das ist beruhigend. Bestimmt fragt er sich, was in meinem Kopf vorgeht. Das aber schon länger. Seit ich mich einmal darüber aufgeregt habe, dass mein Gehalt mir noch nicht überwiesen worden sei, und ich erst Stunden später realisiert habe, dass ich mir mein Gehalt selbst überweisen muss.
Ich habe Probleme mit Zahlen. Während meiner mündlichen Magisterprüfung in Sanskrit habe ich den Standpunkt vertreten, dass ein bestimmtes Buch 3000 nach Christus verfasst worden sei… Während ich erklärte, wieso das so ist, wurde es ganz still im Raum. Wahrscheinlich war der Professor fassungslos. Oder er hat sich Gedanken über meine berufliche Zukunft gemacht.

Ich könnte die Papiere natürlich auch per Post an meinen Buchhalter schicken, aber sowas kann Tage dauern. Dann müsste ich noch länger in der Ungewissheit leben, ob ich jetzt bankrott gehe oder nicht oder ob ich Geld zurückkriege, oder mir welches weggenommen wird. Damit ich einen Überblick über meinen Cashflow habe, hat mein Freund mir eine Excel Tabelle gemacht. Ich glaube, ich brauche an dieser Stelle kaum zu betonen, dass ich sie kaputt gemacht habe und sie nun nicht mehr benutzen kann. Ich habe mich nicht getraut ihm das zu sagen.

Ich bin jedes Mal bestürzt, wenn ich gleich acht Umschläge vom gleichen Absender mit jeweils nur einem Blatt Papier darin bekomme. Denn Déi Greng und diverse andere Leute mit ideologischem Einfluss sagen, man solle nicht unnötig Papier vergeuden. Wegen des Regenwaldes und so. Als ich bei der Bank gearbeitet habe, gab es deswegen auf jedem Flur nur einen Drucker. Man musste mit seiner Chipkarte hingehen, diese dagegenhalten und dann wurde alles ausgedruckt. Natürlich nur, wenn man das Dokument vorher an den richtigen Drucker geschickt hatte. Ich habe über Flurfunk erfahren, dass diese Kartenleser installiert wurden, weil mal ein Chef seine Gehaltszettel im Kopierer vergessen hatte. Jemand hat sie eingescannt und all@ vermailt. Diese Person hat wahrscheinlich noch kürzer in der Bank gearbeitet als ich.

Ich habe zwar insgesamt acht Jahre studiert, verstehe aber meistens trotzdem nicht, was die Steuerverwaltung mir in den Briefen mitteilen möchte. Es hört sich jedenfalls sehr aggressiv an. Ich reagiere als Literaturwissenschaftler sehr sensibel auf Untertöne und bekomme davon schon morgens am Briefkasten Angstzustände. Wenn dann auch noch die Kaffeemaschine anzeigt, dass sie entkalkt werden muss, ist der Tag an sich gelaufen. Bei diesen Kaffeevollautomaten ist man mit so etwas mehrere Stunden beschäftigt.

Es kommt dann und wann vor, dass in einem dieser Anschreiben steht, man solle Betrag X – meistens ein sehr hoher Betrag – bis zum Datum Y überweisen. Erst sieht man nur die Zahl, alles drum herum verschwimmt und man muss sich sofort setzen. Richtig in Panik gerät man aber, wenn man feststellt, dass das Datum Y vorgestern war. Ich bin dann so hysterisch, dass ich den Rest des Tages ganz einfach nichts mehr tun kann. Das ist ein Problem wenn man selbstständig ist.

Aber dann denke ich daran, dass ich wenigstens nicht mehr um 7 Uhr aufstehen muss.

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