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Anxiety.

By Michèle Vallenthini

Ich habe allerhand Ängste. Viele davon irrational. Die meisten unbegründet. Ich kann mich stundenlang mit Dingen aufdrehen, die sich entweder schon längst erledigt haben oder solchen, die voraussichtlich niemals passieren werden. Meistens endet es so, dass ich zu drastischen Mitteln greife, um mich abzulenken. Im Sommer esse ich dann vor Stress eine halbe Wassermelone, steige direkt danach auf die Waage und rege mich darüber auf, dass ich zugenommen habe und dass also im Umkehrschluss mein Leben nun völlig verpfuscht sei. Natürlich muss mein Freund sich das alles mehrere Stunden lang anhören. Er hat mittlerweile verstanden, dass es keinen Sinn macht mir zu sagen, dass es nicht sehr schlau ist, fünf Minuten nachdem man ein Kilo Flüssigkeit zu sich genommen hat, die Personenwaage zu benutzen und beantwortet dann auch um des Friedens willen, die Frage, ob er mich immer noch lieben würde, wenn ich ein Lampenschirm wäre.

Mein Freund hat gar keine Anxiety. Einen Partner ohne Ängste zu haben, ist eine wilde Sache. Solche Leute sitzen einfach da. Swipen auf dem iPad herum. Lesen in Ruhe ein Buch, obwohl sie wissen, dass der Urlaub kurz – also zwei Wochen – bevorsteht. Holen sich dann und wann einen Snack. Atmen sehr laut auf. Machen sich über nichts unnötige Gedanken. Während ich selbst schon im 20. Höllenkreis angelangt bin, weil mir etwas eingefallen ist, das ich 2011 falsch gemacht habe und dass die Sache meinen jetzigen Lebensentwurf maßgeblich beeinflusst.

Ich habe mich lange gefragt, wo meine Ängste herkommen. Irgendwann habe ich verstanden, dass es wohl teils daherkommt, dass mir früher erzählt wurde, dass man ertrinkt, wenn man gleich nach dem Essen in den Pool steigt und dass sich einem der Magen umdreht, wenn man nach dem Kirschenessen Wasser trinkt. Eltern erzählen einem so was. Als Fakt. Das schlimme ist, dass sie behaupten, Dinge, die einen bis zum heutigen Tage traumatisieren, hätten sie niemals gesagt oder sie könnten sich nicht erinnern. Einfach zu sagen man könne sich an gewisse Umstände nicht erinnern, ist auch vor Gericht schwierig.

Eltern sind überhaupt eine verstörende Sache. Wenn meine Mutter zu Besuch ist, kann die Situation sehr schnell außer Kontrolle geraten. Meistens kommt sie am Ende des Tages, d.h. zu einem Zeitpunkt, an dem ich bereits sehr viele Menschen ertragen habe. Ich bin kein Sozialarbeiter. Es fällt mir schwer, Menschen ständig zuzuhören. Es beginnt der gut gemeinte Teufelsritt einmal quer durch alle Reizthemen nach Feierabend. Am Ende bin ich fix und fertig, weil ich mich die ganze Zeit wehren musste. Dabei möchte ich abends eigentlich nur etwas essen, ohne dass mir jemand Fragen stellt, auf die ich nur teils eine Antwort habe oder mir Spartipps vorschlägt. Es gibt nichts, was ich mehr unterstütze als Menschen die sparsam sind. Aber nicht abends.

Das mit der Sparsamkeit kann natürlich auch schnell nach hinten losgehen. Ich habe erlebt, wie Bekannte ihre Terrasse von polnischen Schwarzarbeitern in Eigenregie bauen ließen. Mir sind in dem Moment jede Menge Fragen dazu eingefallen, aber ich habe mir gedacht, dass es besser ist, still zu sein. Nach dem ersten Regen war der Keller plötzlich feucht. Die Arbeiter waren unauffindbar. Luxemburgische Handwerker mussten anrücken, den Keller trockenlegen und die Terrasse aufreißen. Ich bin stolz darauf auch in dem Moment nichts gesagt zu haben. Obwohl meine Anxiety vorm zukünftigen Unheil bereits zu kicken begann als ich die Schwarzarbeiter das erste Mal sah. Grundsätzlich sollte man in 95% der Fälle Kommentare vermeiden. Dadurch lebt man um einiges ruhiger.

A propos Ertragen. Ich habe einen Freund, der Psychiater ist. Ich bewundere ihn sehr. Jeden Tag sieht er unglaublich viele Menschen. Bestimmt Menschen die mitunter komische Dinge getan haben oder komische Dinge erzählen. Ich lerne gerne dazu. Besonders von Profis. Deswegen habe ich ihn einmal gefragt, wie er das mit dem Menschen-Ertragen macht. Er hat nicht so richtig verstanden, was ich meine. Vielleicht fragt er sich, wie eine Person, die selbst seltsam ist, fragen kann, wie er seltsame Menschen erträgt. Ich glaube diese Freundschaft ist viel wert.

Leute mit Anxiety sind meistens eher introvertiert. Ich bereue jeden Ausgehplan, den ich in einem völlig anderen Geisteszustand geschmiedet habe, spätestens wenn ich abends noch einmal den BH anziehen muss. Mit Ende Dreißig nimmt man sowieso am liebsten an Sitzveranstaltungen teil. Früher, hat irgendein Kumpel oder eine Kumpeline geklingelt und gesagt „gehst du mit?“. Man fragte nicht mal wohin, stieg sorglos in ein Auto voller Menschen in dem laute Musik spielte und alle kreischten.
Jetzt schaut das anders aus. Ich frage erst mal, wo es denn hingehen soll. Wie lange die geöffnet haben. Und ob es dort laut ist. Am liebsten fahre ich separat hin. Denn man weiß ja nie, was vor Ort so los ist und ob man vielleicht direkt wieder nach Hause fahren will. Sowieso: lieber um 3 Uhr zu Fuß nach Hause laufen als irgendwo übernachten, wo man die Matratze nicht kennt.

Mir wird oft gesagt, ich würde mich durch meine Pünktlichkeit selbst stressen. Ja, Ich bin überpünktlich. Ich stehe dazu. In Luxemburg weiß man nie, ob über Nacht nicht eine Straße gesperrt wurde, die am Vorabend noch völlig in Ordnung war und dann die nächsten vierzehn Monate nicht mehr befahrbar ist. Solche Dinge können einen täglich bis zu eine Stunde Lebenszeit kosten. Ich plane jede Fahrt sorgfältig und, wenn ich irgendwo um 10 Uhr einen Termin habe, fahre ich lieber um 8 Uhr los und sitze gegebenenfalls eine Stunde beim Kunden in der Lobby und denke über mein Leben nach.
Ich finde, es ist eine Sache von Respekt mögliche Verzögerungen zeitnah zu melden. Deshalb rufe ich meine Freunde bereits an, wenn ich meine, dass ich eventuell fünf Minuten Verspätung haben könnte. Am Ende bin ich natürlich trotzdem rechtzeitig vor Ort.
Ich kenne Menschen, die erst anfangen sich anzuziehen, wenn man bereits mit laufendem Motor vor deren Haustür steht. Über die Sache mit den Männern, die noch aufs Klo gehen oder merken, dass sie tanken müssen, wenn man längst unterwegs sein sollte, haben wir bereits gesprochen. Ich weiß nicht, wie solche Menschen leben. Sie machen einen sehr entspannten Eindruck.

Ich habe mir auf TikTok viele Videos angeschaut über f***s, die ich geben soll oder nicht geben soll und wohin ich sie geben soll. Jetzt sehe ich wegen dem Algorithmus jede Menge mental health content: über walks für mental health, über hacks zum Produktiver-werden, zur Glukosen Spike Vermeidung und zur Darmgesundheit. Man sagt mir auch, dass ich nach dem Aufstehen anderthalb Stunden keinen Kaffee trinken sollte. Zu letzterem: Aha. Danke. Aber ich denke, ich würde dann ganz einfach sterben. Morgens schon. Die restlichen Maßnahmen würden mir schätzungsweise 95% der Freude rauben, die ich als End-Dreißig-jährige noch am Leben habe. Solche Dinge schaue ich mir abends an, wenn ich vor lauter Gedanken nicht schlafen kann. Am Tag danach ist es dann natürlich so: Ich und meine vier Stunden Schlaf gegen den Rest der Welt. Wie zum Henker sollte ich das ohne Kaffee bewerkstelligen? Energy drinks wären eine Option. Ich habe einmal just ausweichen können als sich jemand nach ganz vielen Red Bulls übergeben hat. Ich konnte in der Lache auch Erbsen sehen. Seit dem Tag mag ich keine energy drinks mehr. Ich vergeude mein Geld lieber für Kräutertees zum Einschlafen.

Ich habe gehört, Musik soll gut sein gegen Anxiety. Pan-Flöten-Musik macht mich eher aggressiv. Ich finde Blockflöte ist ein wahnsinnig spannendes Instrument. Unser Religionslehrer in der Grundschule hatte eine. Als er uns beibrachte, dass Gott alles verzeiht, hat er sich damit ins eigene Knie geschossen. Denn dadurch standen ihm nur mehr wenig effektive Druckmittel zur Verfügung. Also waren wir in der Religionsstunde oft so laut wie die Elefanten vor Karthago. Wenn das der Fall war, drohte er damit, dass die Flöte nicht aus dem Sack kommen würde. Ich glaube, es wäre problematisch, heute so etwas vor Kindern zu sagen.

Mir wird oft gesagt, ich soll nicht so viel nachdenken, nicht immer alles super perfekt machen wollen und vor allem, ich solle mich abregen, denn: „es ist nur in deinem Kopf“. Ich habe sehr viel Humor und kann über kranke Witze lachen. Aber ich könnte jetzt sehr viel über solche Menschen sagen. Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass sie Patienten mit ernsthaften Depressionen und Angststörungen oder chronischen Krankheiten, von denen sie keine Ahnung haben, wohl ähnliche Ratschläge erteilen. Hierzu also nur eins: Solche Leute muss man sich warmhalten. Sie sind auf dem besten Weg zum Nobelpreis für Seelenheil.

 

 

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