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Todsichere Informationsquellen.

By Michèle Vallenthini

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass viele Menschen nicht die Wahrheit sagen?

Ich hatte bereits mehrfach traumatische Erfahrungen, bei denen ich feststellen musste, dass das so war. Das kam zum Beispiel bei folgenden Gelegenheiten vor:

Als der Metzger sagte, das Fleisch sei vom gleichen Tag, es aber am darauffolgenden Tag schon dubios roch. Als der Fischverkäufer sagte, der Fisch sei fangfrisch… Ich möchte an dieser Stelle den Geruch lieber nicht beschreiben. Beides habe ich sicherheitshalber weggeschmissen, weil mich nichts nervöser macht als eine Magendarmverstimmung zu haben, wenn ich arbeiten muss. Man weiß ja auch nie, wie die Klos bei den Leuten aussehen. Deswegen würde ich auch ungerne Urlaub in den Tropen machen. Sowieso: jeder, der eine Tropenreise ohne Imodium antritt, hat sein Unglück einzig und allein, sich selbst zuzuschreiben.

Aber darüber hinaus verbergen die meisten Leute ihre Informationsquellen.

Hier einige allgemeingültige Richtigstellungen dazu:

  • „Ich habe gelesen, dass“: „ich habe es auf TikTok gesehen“
  • „Ich habe gehört, dass“: „ich habe es auf TikTok gesehen“
  • „Die Leute sagen, dass“: „ich habe es auf TikTok gesehen“
  • „Ich habe eine Doku geschaut“: „ich habe es auf TikTok gesehen“

Meine Oma hat mir beigebracht, dass Ehrlichkeit am längsten währt. Deswegen gehe ich immer völlig offen damit um, dass ich viele meiner Informationen aus TikTok ziehe.

Das könnte einen jetzt wundern, denn man könnte meinen, dass ich – als promovierter Literaturwissenschaftler mit binationalem Abschluss – mein Wissen ausschließlich aus Büchern habe, die ich mit weiteren Büchern quer checke. Mir wurde meine Bildung sehr oft von Personen mit zweifelhaftem Ruf die sich wohl ihrer Männlichkeit unsicher waren angekreidet. Seitdem stelle ich mein Licht in diesem Bereich lieber unter den Scheffel.

Selbstverständlich checke ich quer. Aus diesem Grund ist TikTok nicht die einzige verlässliche Quelle in meinem Leben.

Neulich war mein Geschirrspüler kaputt. Als ich in die Wohnung kam, hörte ich ein verdächtiges Summen in der Küche. Ich wusste sofort: es war eines dieser Geräusche in der Höhe von wenigstens 200€. Ich gehe also in die Küche. So hysterisch, dass ich nicht mal die Schuhe und den Mantel ausgezogen habe und stelle fest, dass irgendetwas mit dem Geschirrspüler nicht in Ordnung ist. «Error 15» zeigte er an.

Zuerst habe ich mich daran erinnert, wie oft mir gesagt wurde, dass man solchen Problemen viel leichter beikommt, wenn man einen Mann im Haus hat. Das kann ich nur bedingt nachvollziehen. Meistens sind sie rein zufällig gerade mit etwas sehr Wichtigem beschäftigt, kauen und atmen dabei sehr laut und können das Problem erst in 5 Minuten – also 5 Stunden – lösen. Das ist toxische Männlichkeit.

Peter ist nicht nur ein toller Grafikdesigner, sondern auch handwerklich sehr tüchtig. Er hat schon jede Menge Dinge bei mir zu Hause repariert. Sogar ungefragt. Wahrscheinlich aus Mitleid. Alle die Dinge, deren Mangelhaftigkeit ich Monate lang hingenommen oder Schranktüren, die ich mit Tesa notdürftig zusammengeklebt habe, weil das leichter ist, als einen Handwerker zu holen und dessen Kommentare zu ertragen. Peter war krank. Es wäre also unpassend gewesen, ihn wegen eines kaputten Geschirrspülers zu behelligen. Da habe ich mich zu sehr geniert.

Ich wollte das Problem trotzdem lösen, denn ich hatte wirklich keine Lust, tagelang den Abwasch zu machen. Ich hatte mir gerade die Nägel machen lassen. Jede Frau, die das tut, weiß erstens wie teuer das ist und zweitens welche Vorwürfe man sich macht, wenn man bereits am ersten Tag einen Nagel zerstört.

Mir fiel ein, dass meine Versicherung, die mir schon mehrmals das Leben gerettet hat, einen speziellen Service betreibt, wo die einen Handwerker schicken, wenn irgendetwas kaputt geht. Ich habe dort angerufen und man hat mir versichert, dass sich ein Handwerker melden würde. Das hat er getan und direkt gesagt, ich würde doch wohl nicht erwarten, dass er noch heute vorbei kommt… Ich meine, was weiß dieser Mann, was ich erwarte? Ich habe meine Erwartungen zwar schon in allen Lebensbereichen sehr stark heruntergeschraubt, nachdem ich bemerkt habe, dass ich jedes Mal sehr enttäuscht war, wenn ich mir fürs neue Jahr unglaublich viele gute, aber unrealisierbare Dinge vorgenommen habe. Bei manchen Erwartungen möchte ich aber keine Kompromisse eingehen. Der Handwerker versprach, er würde mit seinen Kollegen Rücksprache halten und sich anschließend zurückmelden. Er hat sich nie wieder gemeldet. Das hatte ich genauso erwartet. Wann in der Geschichte der Menschheit, Aliens miteingeschlossen, wäre es mal passiert, dass so etwas gut läuft?

Ich war nun auf mich allein gestellt. Ich habe also zunächst TikTok konsultiert. Dort habe ich keine befriedigende Lösung gefunden. Deswegen habe ich mich nach einem YouTube Tutorial umgeschaut. Da es sehr viele Videos gibt und man entscheiden muss, welchem Tutorial man Glauben schenken könnte, war das komplizierter als gedacht. Es hat mich mindestens eine Stunde gekostet, weil natürlich vorher immer Werbung kam, die man erst nach zehn Sekunden wegklicken kann. Durch diese Werbung ist man zunächst mit allem konfrontiert, was man im Leben schon so gegoogelt hat. Diese Erinnerungen sind nicht immer schön.

Laut der Tutorials gibt es zwei Möglichkeiten, um den Fehler 15 zu beheben: 1. man schraubt den gesamten Geschirrspüler auseinander, um an ein tief im Inneren verborgenes Teil zu kommen und zu prüfen, ob dieses in Ordnung ist. 2. man holt den Geschirrspüler aus der Küchenzeile hervor, kippt ihn um 45° und hält ihn eine Weile in dieser Position, damit überschüssiges Wasser austreten kann.

Was meinen Sie, was ich getan habe? Genau. Ich habe zuallererst meine beste Freundin angerufen und mich beschwert. Das hat zwar eine halbe Stunde in Anspruch genommen, aber wir haben entschieden, was wir am folgenden Tag essen wollen und welche Filme wir schauen möchten. Dann bin ich spazieren gegangen, um mich zu beruhigen.

Irgendwie hatte ich wohl auch die irre Hoffnung, dass die sich Sache während meines Spaziergangs von selbst lösen würde. Dass die Wichtel kommen und den Geschirrspüler reparieren würden. Simsalabim quasi. Es überrascht mich immer wieder, an welche Dinge man als Erwachsener glaubt. Ich zum Beispiel bin sehr naiv. Ich glaube daran, dass alle Menschen die Klobürste benutzen, dass Paketboten nicht so tun, als sei man nicht zuhause und dass man bei Müttern zu Abend essen kann ohne Tipps fürs Leben zu erhalten. Solche heilsamen Illusionen braucht man, um durch den Tag zu kommen.

Bevor ich irgendwas angefasst habe, habe ich zwar nicht den Strom abgestellt, aber ich habe zur Sicherheit geprüft, ob es noch freie Termine bei der Maniküre gibt. Kaum etwas ist wichtiger, als gepflegte Fingernägel zu haben.

Ich fasse mir in Meetings oft vor Stress ins Gesicht, wodurch mir dann mehrere Pickel entstehen, und da ist es wichtig, dass man wenigstens schöne Hände hat. Ich finde Selbstachtung mit Ende 30 ist ein Thema, über das mehr gesprochen werden sollte.

Darüber hinaus sollte mich am Abend ein sehr guter Freund besuchen und ich wollte dieses Happening unbedingt ohne den intrusiven Gedanken eines kaputten Haushaltsgeräts genießen. Wer möchte schon abwaschen, nachdem man viel zu viel Wein und diverse andere Dinge getrunken hat. Ich nicht. Meine Weingläser sind auch sehr teuer und ich habe in grenzenlosem Optimismus nicht daran gedacht Ersatzgläser zu kaufen. Ich kann nur sagen: Gottseidank hatte ich den Großteil der Speisen bereits am Vortag gekocht und die daraus entstandene Abwascharbeit dem Geschirrspüler überlassen. Andernfalls hätte ich wahrscheinlich alles abgesagt. Ich hatte eh noch eine Avocado, die hätte gegessen werden müssen.

Ich hatte einen guten Tag. Das ist, wenn man eine Autoimmunerkrankung hat, eine absolute Seltenheit, die man in vollen Zügen genießen sollte. Ich hatte die nötige Energie, die Sache mit dem kaputten Haushaltsgerät anzugehen. Ich habe zunächst versucht, den Geschirrspüler hervorzuziehen. Das hat nicht ganz so toll geklappt. Also habe ich die Klappe geöffnet und ihn daran herausgezerrt. Das hätte genauso gut wahnsinnig schieflaufen können: ich hätte die Klappe aus der Halterung reißen und dadurch dann sicher mehrere Wochen das Gerät nicht mehr benutzen können. Obwohl ich mir immer die schlimmsten Konsequenzen meiner Entscheidungen vorstelle, habe ich das bei dieser Gelegenheit nicht getan. Die Unlust abzuwaschen, war wohl größer. Sowieso wäre ich wahrscheinlich einfach in ein Hotel gezogen bis der Geschirrspüler wieder funktionstüchtig gewesen wäre.

Ich habe es mit knapper Not geschafft den Geschirrspüler um 45° zu kippen. Auch das war tricky, so ganz allein. Ich musste das Gerät so lange in der Position festhalten, bis genügend Wasser ausgetreten war. Dabei ist mir aufgefallen, dass in meinem Alter die Zeit ziemlich schnell verstreicht. Wenn man ein Haushaltsgerät im 45° Winkel hält, ist das aber nicht so. Ich hatte eine ganze Weile Zeit, um über meinen Leben nachzudenken. Die Katzen sind sogar zweimal vorbeigelaufen, haben versucht zu verstehen, was ich tue, haben bei der Gelegenheit festgestellt, dass sie keine Kroketten mehr im Napf hatten und fanden, es sei der richtige Zeitpunkt, um an meinem Bein zu kratzen, um mich auf diesen Umstand aufmerksam zu machen. Ich frage mich, ob ihnen bewusst ist, dass sie in einem anderen Haushalt vielleicht von selbst gejagten Mäusen leben müssten. Ich habe den letzten Muskel in meinem Körper gespürt. Es war mir klar, die Osteopathenrechnung würde diesen Monat eher hoch ausfallen. Mittlerweile bin ich sogar der Meinung, dass ich wahrscheinlich einen Physiotherapeuten werde aufsuchen müssen.

Der Geschirrspüler spülte wieder und ich habe erst mal eine Schmerztablette genommen. Ich möchte nicht das Ibuprofen sein, das in dem Moment in meinem Körper nach der Schmerzquelle suchte. Ich habe ein Problem mit unübersichtlichen Situationen. Da kommt mir direkt die Lebensfreude abhanden und ich gehe lieber weg.

Da niemand zu Hause war, der mich hätte angemessen loben können, habe ich demjenigen Bekannten, meine Taten gepriesen, welcher mir als erster nahegelegt hatte, einen Thermomix anzuschaffen. Er meinte, mit diesen Referenzen, könnte ich in seinem Betrieb im Facility Management anheuern. Falls ein weiterer Kunde meine Rechnungen nicht bezahlt, werde ich mich ernsthaft mit dem Gedanken auseinandersetzen. Das mit dem Thermomix muss ich mir gut überlegen. Ich habe zwar gesehen, dass die meisten Menschen, die bei „Das perfekte Dinner“ mitkochen, bereits einen besitzen und dass das einen sehr nützlichen Eindruck macht, ich bin mir aber nicht sicher, ob ich mit einem derart digitalen Gerät klarkommen würde. Mein trust factor in solche Maschinen ist genauso hoch wie meine Begeisterung für Elektroautos. Ich verlasse mich ungerne auf Maschinen oder Beförderungsmittel, bei denen unklar ist, ob ich mein kulinarisches oder räumliches Ziel überhaupt jemals erreichen werde.

Als der Besuch am Abend kam, hatte ich bereits das ganze Seifenwasser weggewischt. Hätte ich das nicht sofort getan, wäre ich mit Sicherheit zwei Stunden später selbst auf der Stelle ausgerutscht. Ich habe dem Besuch natürlich die Sache mit dem Geschirrspüler erzählt. Es war schließlich ein einsames Highlight an meinem sonst sehr ruhigen Wochenende.

Er sagte nur, er würde annehmen, ich wüsste, dass solche Dinge passieren, wenn man allzu oft das energiesparende Spülprogramm auswählt. Ich sagte „ja“, hatte aber natürlich keine Ahnung. Ich weiß nicht, wie er auf die Idee kommen konnte, dass ich irgendeine Entscheidung treffe, die mit Energiesparen zu tun hat. Ich drehe in allen Lebensbelangen voll auf.

Banken werben damit, dass die Zukunft es einem dankt, wenn man nicht so ist wie ich. Ich weiß nicht. Rein philosophisch gesehen ist das mit der Zukunft sowieso ein Problem. Aber das würde jetzt zu weit führen. Marketingagenturen denken sich solche Werbemaßnahmen für Banken aus. Ich kann jetzt nicht darüber herfallen, dass das Drucken von vielen Plakaten umweltschädlich ist. Banken haben neuerdings Bildschirme und pflanzen Bäume, wenn man mit der Kreditkarte zahlt. Ich will nicht lügen: Würde meine Bank das tun, stünde hier in Strassen bereits ein ganzer Hektar dichter Wald.

Was den Thermomix angeht, müsste ich mir das Gerät einmal aus der Nähe ansehen. Ich habe gehört – auf Tiktok gesehen -, dass es Thermomix-Präsentationen gibt, ähnlich wie Tupperware-Partys. Wobei natürlich zu bedenken ist, dass, sollte es mit dem Gerät gut laufen, ich vielleicht noch viel mehr essen würde. Das wiederum wäre nicht unbedingt günstig. Denn im Gegensatz zu allen anderen bereits ziemlich strapazierten Körperteilen scheinen meine Fettzellen unter der Schirmherrschaft der heiligen Dreifaltigkeit und der Jungfrau Maria zu stehen.

Aber man lebt nur einmal. Ich werde mich schlau machen, ob mir jemand ein Pro-Kontra-Excel mit verlässlichen Quellenangaben zum Thema Thermomix erstellen könnte.

Bis dahin, Merry Crisis.

 

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